Minimalismus 2.0

Anfang des Jahres habe ich mir die Zeit genommen, endlich mal wieder ordentlich auszumisten. So schwer es fällt, so befriedigend ist es im Nachgang, sich von unnützem Zeug zu trennen. Wenn du nach einer Herausforderung suchst und kompromisslos in großem Umfang Sachen aussortieren willst, kann ich dir nur das Mins Game empfehlen.

Mit Minimalismus Challenges macht Entrümpeln Spaß

Doch so sehr es dir hilft, dich von nutzlosem Krempel zu trennen, es ist eine Momentaufnahme. Der Jäger und Sammler in uns will schnell in alte Muster zurück, will Sicherheiten aufbauen, will alles nehmen und behalten – denn wer weiß, was noch kommt. Wie sehr wir diesem Muster anhängen, haben die Hamsterkäufe der ersten Coronawelle gezeigt. Wenn du den Minimalismus leben willst, heißt das, ihn jeden Tag zu leben, ansonsten ist dein entrümpeltes Zuhause bald wieder voller Dinge, die nach deiner Aufmerksamkeit heischen.

Nicht die Summe, der Wert zählt

Doch beim Minimalismus geht es nicht alleine um die Anzahl an Dingen, die du behalten darfst. Das Problem, wenn du dich über die Anzahl an Dingen definierst ist, dass der Minimalismus selbst etwas wird, was in deinem Leben einen zu großen Raum einnimmt und dich davon abhält, etwas Produktives zu tun. Wenn du dich dadurch definierst, nur mit 100 Teilen auszukommen, wie sehr bringt es dein Weltbild durcheinander, wenn du einem Minimalisten begegnest, der nur 70 Teile braucht? Fühlst du dich dann als ein Minimalist zweiter Klasse? Und wie geht es demjenigen, der sein Leben verschlanken will, aber dann hört, dass er als echter Minimalist nur 100 Dinge besitzen darf? Der rennt sofort erschrocken weg und will nie wieder etwas von dem Thema hören.

Es zählt nicht wie viele Dinge du besitzt, es zählt, dass die Dinge, die du besitzt, einen Wert für dich haben.

Wenn Minimalismus zu weit geht – und Stühle sind ohnehin überbewertet

Beim Minimalismus geht es nicht um Quantität

Wenn du darüber nachdenkst, wie viel Socken du behalten darfst, um noch als Minimalist zu gelten, dann hast du das Prinzip komplett missverstanden. Denn wenn du in diesem Strudel steckst, dauert es nicht lange, bis du darüber nachdenkst, ob 100 die richtige Zahl ist oder du nicht ein besserer Minimalist wärst, wenn du nur 80 Dinge hättest. Auch wenige Dinge können dich besitzen, wenn du ständig über sie nachdenkst. Beim Minimalismus geht es mir viel zu sehr um Quantitäten. Bei allen Informationen, die ich zu diesem Thema konsumiere, geht es fast ausschließlich um das Reduzieren von Dingen. Und ja, ich habe ganz bewusst konsumieren geschrieben.

Nicht nur Sachen lassen sich konsumieren, auch Informationen konsumierst du. Das ist okay, Informationen sind eine großartige Sache, doch wenn du nicht augenblicklich aufstehst und die gewonnen Informationen in die Tat umsetzt, dann fangen sie an dich zu konsumieren. Im Englischen gibt es die schöne Redewendung: Going down the rabbit hole. Wenn du bei YouTube ein Video nach dem anderen anschaust, vom Hundertsten ins Tausendste kommst, wenn der Tag verstreicht und du immer noch am Bildschirm festklebst, dann bist du in die Kaninchenhöhle gefallen. Anstatt eine Idee aufzuschnappen und sie gleich auszuprobieren, glaubst du, du müsstest erst alles darüber wissen, um es richtig zu machen. Dieses unnötige Ansammeln von Informationen (denen keine Handlung folgt) läuft dem Gedanken des Minimalismus komplett entgegen. Du holst dir nicht mehr, was du brauchst, sondern lässt zu, dass das Medium deine Zeit auffrisst, in der du eigentlich hättest handeln können.

Mentaler Minimalismus

Mir ist vollkommen egal, ob du nur 100 Sachen besitzt oder lediglich dein Arbeits-/Kreativitätszimmer auf ein produktives Minimum reduziert hast, wichtig ist, was in deinem Kopf los ist. Wie schnell lässt du dich in Anspruch nehmen? Wie schnell ablenken? Wie sehr hältst du an alten Denkmustern fest und wie sehr klammerst du dich an spezielle Vorstellung darüber, wie du denkst, dass du sein müsstest, damit die Welt dich als das sieht, was du bist?

Dieses Festklammern an Vorstellungen wie etwas zu sein hat, stellt den Raum in deinem Kopf voll mit Kisten und Gerümpel, es belegt so viel Platz, dass du dich kaum noch bewegen kannst. Was ist für dich erstrebenswerter, dein Zimmer zu entrümpeln oder deinen Kopf? Was glaubst du, wird dich zu einem zufriedeneren Menschen werden lassen?

Digitaler Minimalismus

Ein weiteres Problem, dass ich mit dem rein materiellen Minimalismus habe, ist folgendes: Viele „Minimalisten“ besitzen ein Notebook, ein Smartphone und oder ein Tablet – was per Definition nur zwei bzw. drei Dinge sind. Doch was ist mit all den Daten, Apps, Spielen und was sich noch so alles auf diesen Geräten versteckt? Alleine schon durch die Art, wie diese Geräte uns besitzen, müssten sie für mehr als nur für zwei zählen. Minimalismus hat für mich in erster Linie etwas mit Loslösung zu tun. Dinge aufgeben um Raum und Zeit zu schaffen für produktive oder kreative Prozesse, steht hierbei im Vordergrund. Ziel ist es dabei, sich von allem zu lösen, was Ablenkung schafft.

Minimalismus? Im Gegenteil, hier drinnen verbirgt sich purer Überfluss

Lassen wir vorerst all diese verlockenden Apps mal beiseite und betrachten rein den Datenmüll auf deinen Festplatten. Wie viel Fotos sind darauf, die du nie ansiehst? Wie überlaufen ist dein Emailpostfach? Wie viele Dokumente hast du gespeichert, ohne überhaupt noch zu wissen, dass sie da sind? Stell dir vor, du würdest heute dein Laptop oder Smartphone verlieren, abgesehen von dem materiellen Verlust, was befindet sich auf den Geräten, dem du nachtrauern wirst? Das sind die paar Fotos und Daten die du behalten darfst – alles andere gehört gelöscht.

Während diese Daten einfach nur herumliegen und deinen Speicher zumüllen, ist das eigentliche Problem der digitalen Welt, die überbordende Masse an Ablenkungen. Aus nur-mal-eben-gucken wird schnell eine und mehr Stunden, die wir in den Tiefen der sozialen Netzwerke versinken. Wir gewinnen dadurch nichts, bekommen im schlimmsten Fall ein Gefühl von alle anderen machen etwas Spektakuläreres als ich und haben nicht nur viel Zeit verloren, sondern haben dann auch noch deswegen ein schlechtes Gewissen. Ich verurteile dich deswegen nicht, ich sitze im gleichen Boot. Allerdings sind wir nicht nur Konsumenten, wir sind auch Produzenten auf diesen Plattformen, wir tragen zu der Masse an Input bei, der tagtäglich über uns hereinbricht. Wie oft bin ich in den vergangenen Monaten auf Gipfeln gestanden und habe eines dieser 08/15 Gipfelselfies geschossen, um die Bestie zu füttern. Denn gefüttert werden will sie. Tust du es nicht, gehst du in der Masse verloren. Das ist okay, wenn es dir reicht, Erinnerung mit deinen Lieben zu teilen, doch gar zu schnell rutscht man in diesen Strudel aus Followern und Likes, von denen man nicht genug bekommen kann, die das (falsche) Ego festigen.

Es mag sein, dass du komplett darüber erhaben bist, dann beglückwünsche ich dich. Aber wenn wir wirklich in uns gehen und ehrlich zu uns sind, ist es uns dann wirklich egal, wenn wir ein Bild posten und niemand darauf reagiert? Was sagt dein Ego dazu? Wie fühlst du dich, wenn du einen Account kreierst und niemand (also wirklich niemand) dir folgen will? Und, ganz ehrlich, wenn es dir vollkommen egal ist, dass niemand dir folgt und niemand auf dich reagiert, warum postest du dann überhaupt irgendetwas? Fakt ist, dass es in uns ein kleines High auslöst, wenn wir Likes bekommen, wir fühlen uns dadurch weniger unbedeutend in dieser lauten Welt. Doch diese Highs halten nicht lange und wollen bald wiederholt werden, wir werden süchtig danach und wenn wir nicht aufpassen, definieren wir uns durch sie.

Ich bin nicht besser als ihr – im Gegenteil

Aus diesem Grund werde ich mich auch bis Jahresende von sämtlichen Social Media Plattformen zurückziehen: Zu viel Ablenkung, zu viel Futter für das falsche Ego. Mich langweilt es Selfies zu posten mit meiner grinsenden Visage auf irgendeinem Berg. Wem ist damit geholfen? Seien wir doch mal ehrlich, der überwiegende Teil aller Posts dient doch letztlich dazu, der Welt zu zeigen, dass man etwas Besonderes ist (oder macht). Was erwarte ich mir davon? Die Bestätigung, dass dem so ist durch mehr Follower und Likes? Will ich an diesem Aufmerksamkeitswettbewerb teilnehmen? Und was bringt es mir, wenn du meinen Post siehst? Stehle ich einfach nur deine Zeit und halte dich davon ab, etwas Sinnvolles zu tun? Mache ich dir vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen, weil ich etwas vermeintlich Tolles gemacht habe, während du einfach nur gemütlich zuhause im Garten warst?

Ich brauche, ich will beides nicht. Und doch, kaum habe ich ein Bild in die Welt geschickt, warte ich auf die Reaktionen. Ja, egal wie sehr ich mich dagegen wehre, mich interessiert, wie viele Menschen mir ein Herz zuwerfen. Genau hier taucht das falsche Ego wieder aus der Versenkung auf und erinnert mich daran, dass es immer da sein wird – diese Plattform will ich ihm nicht geben.

Der Soziologe Charles Horton Cooley hat bereits 1902 geschrieben: „I am not what I think I am, and I am not what you think I am. I am what I think you think I am. Das ist die Denkweise des falschen Egos, es definiert sich über das, was es denk, was du denkst, das es ist. Um ihm diese Grundlage nicht zu geben, gönne ich mir eine digitale Auszeit, die ich auch dazu nutzen werde, darüber zu meditieren, ob und wie sich soziale Medien nutzen lassen, um einen echten Mehrwert zu bieten.

Abstand gewinnen, um neue Perspektiven zu finden

Digital-Detox-Selbstversuch

Ich bin dabei nicht so weit gegangen, gleich alle Kanäle zu löschen, ich habe mich höflich bei meinen Followern verabschiedet und den Grund für meine Auszeit erklärt. Dann habe ich die Apps (Instagram, Facebook, Strava und YouTube) von meinem Smartphone geschmissen und sämtliche Emailbenachrichtigungen abgestellt. Außerdem habe ich meinen Netflix-Account gekündigt und schalte mein Handy nur noch dann an, wenn ich wirklich telefonieren muss oder es zur Navigation brauche.

Beim Fernsehen und dem Laptop ist es nicht so einfach, sich von den Ablenkungen zu befreien. Für beides habe ich mir feste Regeln gesetzt, wann ich was einschalte und wie ich was nutze. Beim TV läuft es auf spezielle Sportevents und die eine oder andere Doku raus (sorry, ein wenig Ablenkung brauche ich dann doch, das alles muss ja auch irgendwie praktikabel bleiben). Den Laptop schalte ich nur noch zum Schreiben, Arbeiten und zum Checken der Emails an. Diese Selbstlimitierung verlangt ein gewisses Maß an Disziplin. Letztlich läuft es darauf zurück, wie wichtig es mir ist, wie wichtig ich mir bin, wie sehr ich die Verantwortung über mein Tun übernehmen will und was ich dadurch gewinne.

Viel leerer Raum zur freien Gestaltung

Das mag für dich vielleicht nach einem langweiligen Leben klingen – kein Instagram, kein Netflix, kein Bingen von YouTube Videos, kein Scrollen durch Feeds – doch letztlich ist das alles nur Entertainment ohne jeden Wert. Ganze Leben vergehen in endlosen Staffeln einer Lieblingsserie und du fühlst dich klein in deiner Welt, weil du über die sozialen Medien alle anderen dabei beobachtest, wie sie anscheinend das tun, wozu du nicht imstande bist. Aber wie sollst du es denn auch sein, wenn du nur vor dem Bildschirm klebst und den Hintern nicht von der Couch bekommst.

Leerer Raum, der voller Möglichkeiten steckt

Der wahre Minimalismus besteht für mich darin, alle Quellen der Ablenkung aus dem Leben zu nehmen. Ja, die Lücke die dort entsteht, wird unangenehm sein, du wirst dich verloren fühlen, dich langweilen, du wirst nichts mit dir anzufangen wissen – da musst du durch. Erst in der Leere erwacht der kreative Geist und ohne Ablenkung musst du dich zwangsläufig auch mit dir selbst beschäftigen. Die innere Stimme der Selbstreflexion wird nicht mehr niedergeblökt, sie darf sich endlich entfalten. Anfangs wird sie nur schüchtern aus ihrer Ecke gekrochen kommen, doch mit zunehmender Zeit wird sie an Kraft gewinnen, sie wird den Mut finden, dir zu sagen, was schief läuft und was du alles verbockst. Auch das ist nicht angenehm, aber ungemein hilfreich.

Diesen leeren Raum – man könnte ihn auch Freiraum nennen – kannst du nutzen für all die Ideen und Vorhaben bei denen du vorher dachtest, du hättest nicht die Zeit dafür. Nimm die Leere an, höre auf die Stimme in dir, nutze den Freiraum, um darin das Leben wachsen zu lassen, das du führen möchtest. Darum geht es beim Minimalismus und nicht darum, wie viele Socken du im Schrank hast.

P.S.

So sehr ich mich darüber freue, wenn du gleich noch einen Artikel von mir lesen willst, noch mehr begeistert es mich, wenn du jetzt sofort deinen Laptop/Smartphone ausschaltest, dir einen Sack schnappst und einfach wahllos anfängst Zeug hineinzupacken, das du nicht mehr brauchst und das du verschenken kannst. Als nächstes darfst du dich dem Gerät deiner Wahl widmen, um auch dort aufzuräumen. Platziere noch einen letzten Post auf Instagram, in dem du allen erklärst, dass du dir eine digitale Auszeit gönnst, dann lösche die App. Das Gleiche kannst du auch mit Facebook, TikTok, WhatsApp und wie sie alle heißen, machen. Das muss nicht auf Dauer sein, aber genieße die Erfahrung, einfach mal nicht verbunden zu sein. Du wirst nichts Wichtiges verpassen, denn wenn du Menschen hast, denen etwas an dir liegt, werden sie Wege finden, mit dir zu kommunizieren. Du wirst weniger bombardiert mit Infos, aber die die zu dir dringen, werden es wert sein.

Wahrscheinlich wirst du erschrocken sein, wie viel Zeit dir am Tag auf einmal zur Verfügung steht. Und wie ich es schon geschrieben habe, wirst du erstmal nichts mit dir anzufangen wissen. Wie auch? Du hast dich daran gewöhnt, ständig von dir abgelenkt zu sein. Jetzt hast du endlich die Gelegenheit, dich kennenzulernen, eine Erfahrung, von der du nur profitieren kannst.

Wenn du es mit dem Minimalismus ernstmeinst, dann höre auf, dir Gedanken über die Anzahl der Sachen zu machen, die du besitzen darfst und fange an, Zeitfresser und Ablenkungen aus deinem Leben zu verbannen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: