Der NibelungenULTRA – Teil 2: Der Laufbericht

Vor dem Start

Über 130 malerische Kilometer erstreckt sich der Nibelungensteig von Zwingenberg an der Bergstraße bis nach Freudenberg am Main. Der Fernwanderweg führt einmal quer durch den Odenwald und verbindet die Bundesländer Hessen, Baden-Württemberg und Bayern, dabei bietet er seinen Besuchern landschaftlich und kulturell eine ganze Menge. Ursprüngliche Ortschaften, Burgruinen, Felsenmeere und natürlich die Magie der Nibelungensage sind allgegenwärtig. Aufgrund seiner Länge und seiner ca. 4.500 Höhenmeter ist der Steig aber durchaus auch eine sportliche Herausforderung.

Mit viel Auf und Ab geht es durch über drei Bundesländer durch den Odenwald

Das sehen auch immer mehr Läufer so. Schaut man bei Strava, durchziehen viele Segmente den Nibelungensteig und seine Trails sind ein beliebtes Trainingsterrain für alle, die fernab der Straße ihre Runden drehen wollen. Manch ein wagemutiger Läufer hat bereits versucht, den Weg in seinen gesamten 130+ Kilometern zu laufen, niemandem war es bisher gelungen (vermutlich, falls doch: bitte melden). Für mich als Ultramarathon-Neuling war klar, der Nibelungensteig sollte mein erster Lauf über 100 Kilometer werden, das hat einen einfachen Grund: Ich liebe diesen Weg und er liegt mir sehr am Herzen.

Der Odenwald – immer einen Besuch wert

Nach einer langen, intensiven Vorbereitung (siehe Teil 1: Die Vorbereitung) stand ich dann also am Freitag, den 04.09. in Freudenberg am Main. Wo für die meisten Wanderer der Weg endet, würde er für mich starten; die Ost-West-Richtung ist bewusst gewählt, den mir unbekannteren Teil des Weges wollte ich mit frischen Beinen und frischem Kopf laufen. Wenn sich dann die Erschöpfung breit machen würde, befände ich mich in dem Teil des Odenwaldes, in dem ich aufgewachsen bin. Hier könnte ich von jedem Stein ab sagen, wie weit es noch bis hierhin oder dorthin wäre. Der einzige Nachteil bei dieser Richtung: Die drei wohl härtesten Anstiege des gesamten Nibelungensteigs würden mir auf den letzten 27 Kilometern begegnen.

Etappe 1: Freudenberg – Miltenberg (12,7 km/ca. 400 Hm)

Als ich loslaufe ist es warm, aber nicht zu heiß – gutes Laufwetter. In Freudenberg gibt es keine Skulptur oder ähnliches, was das offizielle Ende des Weges markieren würde, ein wenig Sucherei ist nötig. Vom Rathaus geht es fast direkt in die Steigung und über Treppen hinauf und vorbei an der Freudenburg. Bis hoch zum Wannenberg geht es ständig bergauf (moderat und gut laufbar), bevor der Weg nach Miltenberg abfällt, dort geht es am Mainufer entlang in die Altstadt. Kurz davor wartet Christian, mein Crew-Chef, auf mich.

Crew-Chief-Christian mit dem Futtermobil

Mit Christian habe ich ca. alle 15 km eine Versorgungsstation geplant. Natürlich war der Reiz, den Nibelungensteig unsupported (also ohne jegliche Hilfe) reizvoll, doch bei meinem ersten Lauf über 100 Kilometer wollte ich mir nicht gleich zu viel zumuten. Im Kofferraum warten das vorbereitete Kokoswasser und mein Zitronensaft-Himalayasalt-Wasser-Mix auf mich. Dazu gibt es frisches Obst, kühle Smoothies und Snackpakete damit der Tank voll bleibt. Die Versorgungsstationen alle 15 Kilometer dienen noch einem weiteren Zweck. So ist der Nibelungensteig in machbare Teiletappen aufgeteilt. Wenn ich nach fünf Kilometern auf die Uhr schaue und denke: Okay, jetzt habe ich noch 126 Kilometer vor mir, kann das sehr entmutigend sein. Von einer Station und in kleinen Schritten denken zerpflückt ein großes Vorhaben in kleine, gut zu bewältigende Häppchen.

Etappe 2: Miltenberg – Amorbach (12,3 km/ca. 400 Hm)

Selbstverständlich ging es von Miltenberg auch erstmal wieder den Berg hoch. Bereits auf dem Trail hoch zum Greinberg dämmerte es mir, ich hatte in Miltenberg vergessen, meine Stirnlampe mitzunehmen. Dank der sternenklaren Nacht und einem silberleuchtenden Vollmond blieb mir über den Großteil der Etappe dennoch genug Licht, um meinen Weg sicher zu finden. Rehe, Füchse und Marder hüpften davon, erschreckt von diesem seltsamen Kerl, der da durch die Abenddämmerung rannte. Lediglich auf dem Gotthardsberg mit seiner Kirchenruine (in der ich vor einigen Jahren mal übernachtet hatte) und hinab nach Amorbach musste ich die Taschenlampe am Handy bemühen.

Malerische Altstadt von Miltenberg

Von Amorbach bekomme ich leider nicht sehr viel mit, dafür bleibt keine Zeit, außerdem ist es mittlerweile stockduster geworden. Wer gemütlicher unterwegs ist, der sollte eine Stadtbesichtigung unbedingt einplanen, denn genau wie Miltenberg hat der Ort einiges zu bieten. Alles was mich an dem Abend interessierte war der Kofferraum von Christians Auto auf dem Parkplatz des Waldfriedhofs. Als allererstes steckte ich meine Stirnlampe ein. Die bisher gelaufenen 25 Kilometer haben meine Beine locker hingenommen – keine Spur von Müdigkeit. Mit lockerem Schritt ging es in die erste Nachtetappe.

Etappe 3: Amorbach – Ottozell (15,3 km/ca. 600 Hm)

Laufen bei Nacht ist ein Erlebnis für sich. Der Strahl der Stirnlampe lässt die Umgebung in Undeutlichkeit verschwinden, während der Weg vor mir durch den Lichtkegel zu einem Tunnel wird. Dazu ist die Nacht ruhig, die Luft klar, ich bin alleine mit mir selbst und den eigenen Gedanken. Wenn du fast neun Stunden Dunkelheit vor dir hast, solltest du keine Angst davor haben, dich mit dir selbst zu konfrontieren, außerdem solltest du ein starkes Warum hinter deinem Lauf haben, damit diese Was mache ich hier gerade Frage gar nicht erst aufkommt.

Nachdem die ersten beiden Etappen bereits ein paar ordentliche Höhenmeter zu bieten hatten, legte der Weg hier nochmal ordentlich etwas zu. Dafür führt er aber auch an der mystisch im Wald verstecken Wildenburg vorbei. Hier soll Wolfram von Eschenbach einen Großteil seines Parzivals geschrieben haben. Auch aus einem weiteren Grund hat die um 1200 herum erbaute Burg ihre Spuren in der deutschen Literaturgeschichte geschrieben, auch wenn sie durch einen Fehler gar nicht erwähnt wird. Als Johann Wolfgang von Goethe in seinem Götz von Berlichingen schrieb: „Georg, ich sehe Miltenberg brennen“, da war eigentlich die Wildenburg gemeint, die der Götz niederbrannte. Doch als Goethe sein Schauspiel schrieb, lag die Burg verborgen und vergessen im Wald.

Burg Wildenburg bei Tag – versteckt im Wald und voller Magie

Ein weiteres Highlight hat dieser Abschnitt noch zu bieten, das älteste noch erhaltene Bauernhaus des Odenwalds, das so genannte Watterbacher Haus (1475). In Ottozell habe ich fast den ersten, der an diesem Tag nötigen, drei Marathons in den Beinen. Dafür fühle ich mich ausgezeichnet, noch bin ich mit einer 8er Pace unterwegs, damit wäre ich auf Kurs für ein Finish unter 18 Stunden. Mir ist klar, dass ich dieses Tempo nicht bis zum Ende halten werde, freue mich aber über die gewonnene Zeit.

Etappe 4: Ottozell – Hesselbach (13,8 km/ca. 500 Hm)

Dies wird die letzte Etappe, die ich komplett alleine Laufe, ab Hesselbach wird Thorsten zu mir stoßen, der mich bis nach Zwingenberg mit dem Mountainbike begleiten will. Ich freue mich auf die Gesellschaft, aber ein wenig werde ich auch die Einsamkeit des Trails vermissen, deshalb möchte ich diese auf diesem Stück noch mal bewusst genießen. Da passt es auch, dass ich durch das verlassene Dorf Breitenbach laufe und vorbei an uralten Bildstöcken.

Und auf noch etwas freue ich mich auf diesem Abschnitt: Das Drei-Länder-Eck. Vom Drei-Länder-Stein markiert, befinde ich mich gleichzeitig in den drei Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. In Hessen geboren und aufgewachsen, dann aber nach Bayern „ausgewandert“, besitzt dieser Übergang für mich auch eine symbolische Bedeutung.

Der Drei-Länder-Stein, wo Bayern, Baden-Württemberg und Hessen zusammentreffen

Ich lasse die Hesselbacher Höhe hinter mir, die ersten 54 Kilometer des Nibelungensteigs sind geschafft, meine Beine fühlen sich großartig und ich liege super in der Zeit. In Hesselbach warten Christian und Thorsten auf mich.

Etappe 5: Hesselbach – Marbach Stausee (22 km/ca. 550 Hm)

So gut sich meine Beine fühlen, mein Magen ist mir in den letzten beiden Etappen etwas flau geworden. Ich stelle fest, dass ich die sorgsam zusammengepackten Trailsnacks nicht herunterbekomme. Ob Energieriegel, Trockenobst, Nüsse oder Schokolade, das Kauen und Verdauen ist zu viel Belastung für den Magen. Das Blut ist in den Beinen, für Verdauung bleibt wenig übrig, dazu setzt ihm das Auf- und Abschaukeln zu. Deshalb lasse ich die Snacks im Auto und steige auf die Smoothies um. Zum Glück kann ich sie bei Thorsten im Rucksack unterbringen; Laufweste und Hüftgurt bleiben für den Rest des Laufs im Kofferraum, lediglich mit einer Trinkflasche in der Hand geht es weiter.

Beste Crew: Christian und Thorsten

Warum keine Gels? Ich bin entschieden gegen industriell erzeugte Lebensmittel. Auch wenn sie auf einem Lauf wie diesem einiges erleichtern, will ich bei meinem Kurs einer vollwertigen, rein pflanzlichen Ernährung keine Kompromisse machen. Die selbst gemischten Smoothies stecken so voller Energie und Nährstoffe, dass sie genug Potenz haben, damit ich unterwegs auftanken kann.

Thorstens Gesellschaft ist noch aus weiteren Gründen Gold wert. Obwohl der Nibelungensteig durchgehend sehr gut markiert ist, muss man nachts doch ab und an zweimal schauen, wo es weitergeht. Ich habe zwar den GPS-Track auf der Uhr, versuche aber, ihn nicht laufen zu lassen – er frisst einfach zu viel Akku. Thorsten hat das GPS direkt vor sich auf dem Lenker und hilft mir damit, nirgends falsch abzubiegen und einen Streckenabschnitt doppelt laufen zu müssen. Dazu missbrauche ich ihn als Lastesel, er erinnert mich daran, regelmäßig zu trinken und seine Anwesenheit, seine ruhige Art wirken äußerst beruhigend.

Halbzeit mit einer 8:10er Pace. Ich liege bestens in der Zeit, die Beine fühlen sich gut

Kurz vor dem Ebersberger Felsenmeer ist die Hälfte geschafft, bis auf den flauen Magen funktioniert mein Körper deutlich besser, als gedacht. Klar zwickt es mal hier oder dort, aber das sind die typischen Signale, mit denen der eigene Organismus einem sagen will, dass das hier gerade doch irgendwie nicht ganz normal ist. Am Felsenmeer verliere ich Thorsten kurzzeitig, da er sein Bike durch den steinigen Hang manövrieren muss. Dadurch treffe ich auch komplett alleine auf die gewaltige Rotte Wildsäue. Rechts im Wald rauscht und quiekt es, links im Wald rauscht und quiekt es, dann flitzen 12 bis 15 Säue über den Weg. Auf den folgenden 300 Metern brechen weitere Wildsäue aus dem Unterholz direkt vor mir. Wahrscheinlich verzeichne ich gerade den höchsten Pulsanstieg während des gesamten Laufs.

Zum Glück sind die Wildschweine nicht aggressiv und lassen mich meiner Wege ziehen. Auf dem Weg zum Himbächel-Viadukt schließt Thorsten wieder zu mir auf und wir erreichen unbeschadet den Marbach Stausee.

Etappe 6: Marbach Stausee – Grasellenbach (14,3 km/ca. 500 Hm)

Kurz vorm Marbach Stausee gingen die Probleme langsam los. Immer wieder macht die linke Wade zu, nicht in Form eines Krampfs, sondern eher als Blockade, die von den Kniekehlen ausgeht. Die Wade kommt, die Wade geht, kein Grund sich Sorgen zu machen – weiterlaufen und ignorieren. Mein Tempo geht etwas herunter, dennoch bin ich bestens in der Zeit für eine 18,5 Stunden Zeit. Am Stausee gönne ich mir Obst, Reissalat und Espressomuffins (im Stehen ging das wunderbar), wir tanken Getränke nach und machen uns los. Ab jetzt bin ich auf wohlvertrauten Terrain, die Trails von hier bis nach Zwingenberg bin ich des Öfteren im Training gelaufen.

Sonnenaufgang über dem Marbach Stausee

Deshalb weiß ich, dass sich der Weg, nachdem ich vom Marbach Stausee weg bin, erstmal für ein paar Kilometer zieht. Ich weiß aber auch, dass ab dem Roten Wasser ein besonderer Abschnitt beginnt. Das Hochmoor mit den namengebenden Braunalgen führt hinauf zum Spessartkopf, von dort geht es durch das Jagdgebiet der Nibelungen hinab zum Siegfriedbrunnen. Hier soll Hagen von Tronje den Drachentöter hinterrücks erschlagen haben. Als Siegfried im Blut des Drachen Fáfnir badete, fiel ein Lindenblatt auf eine Stelle am Rücken, hier machte ihn das Drachenblut nicht unverwundbar und hier stach Hagen zu. Viele Brunnen im Odenwald behaupten mittlerweile der besagte aus dem Nibelungenlied zu sein, doch wer einmal an dem Brunnen in Grasellenbach gestanden hat, der zweifelt nicht daran, dass es nur hier hat geschehen können. Bereits 1845 wurde er als der wahrscheinlichste Brunnen genannt, lange bevor der neuerwachte Nibelungenhype losgebrochen war.

Der einzig wahre Siegfriedsbrunnen bei Grasellenbach

Ab Grasellenbach mehrten sich leider auch die Probleme in meinen Kniekehlen. Ja, nun waren beide betroffen und es war absehbar, dass dies nichts Vorübergehendes war, sondern mich auf den restlichen Kilometern begleiten würde. Die Frage war nur, wie sehr und wie stark sie mich ausbremsen würden.

Etappe 7: Grasellenbach – Lindenfels (13,5 km/ca. 300 Hm)

Mit Grasellenbach hatte ich dann auch den doppelten Marathon in den Beinen. Bis auf meine Sehnenreizung in den Kniekehlen ging es mir hervorragend; die Kraft war noch da, der Kopf sowieso, ich lag nach wie vor top in der Zeit und nun würde ich nicht nur die 100km-Schallmauer durchbrechen, sondern auch meine Heimatstadt Lindenfels erreichen. Den Augenblick, wie ich durch die Straßen meines Geburtsorts laufe, hatte ich im Vorhinein oft visualisiert. Und eines war klar: Wenn ich erstmal in Lindenfels bin, würde mich nichts mehr davon abhalten, den NibelungenULTRA ins Ziel zu laufen.

An der Walburgiskapelle bei Weschnitz – Lindenfels ist nicht mehr weit

Doch vorher musste ich durch das Gassbachtal hinauf auf den Kahlberg, um von dort vorbei an der malerischen Walburgiskapelle einen ersten Blick auf Lindenfels zu erhaschen. Nah und doch noch 6 km entfernt schmiegt sich der Ort in die Landschaft, bewacht von der alten Burgruine perlt er den Hang hinab. Von der Kapelle führt ein schmaler Zickzack-Trail nach Weschnitz herunter. Dort kommt mir Marco entgegen, ein befreundeter Läufer, der mich bis Zwingenberg begleiten will. Als er erfahren hat, dass ich schon im Anflug auf Lindenfels bin, ließ er alles stehen und liegen, schlüpfte in seine Schuhe und lief los, um uns willkommen zu heißen.

Über den Stotz hinweg wird klar, dass bergab kaum noch etwas geht. Die Sehnenreizung lässt die Muskulatur zu machen, ich kann im Downhill kein Tempo mehr aufnehmen. Je steiler und technischer es wird, desto lahmer werde ich. Stück für Stück büße ich die gut gemachte Zeit ein.

Etappe 8: Lindenfels – Reichenbacher Felsenmeer (15,1 km/ca. 550 Hm)

Die Kamsbach hoch erwartet uns Nico, ein weiterer befreundeter Läufer, auch er will bis Zwingenberg dabei bleiben. In der Kamsbach lauert auch das erste Begrüßungskomitee. Go, Go, Go – mit Kreide sind Anfeuerungen auf die Straße gemalt, aus einem Lautsprecher plärrt der Rocky-Soundtrack, Freunde und Bekannte treiben mich an.

Die Wegführung durch den Schenkenberg ist für einen gebürtigen Lindenfelser umständlich, zumal, wenn er schon über 100 Kilometer in den Beinen hat. Doch ich bleibe stur auf der Originalstrecke, die mich schließlich am Eingang zur Burgstraße ausspuckt. Am Löwenbrunnen, genau unterhalb der Burg, warten weitere Freunde und die Familie auf mich; auch wenn es weitere Zeit kostet, ich gönne mir hier eine längere Pause. Essen, Trinken, ein paar Unterhaltungen und der Versuch, die Wadenprobleme rauszudehnen (erfolglos).

Nach Schlierbach herunter wird klar, dass mich die Bergabstrecken stark ausbremsen, eigentlich hatte ich gehofft, hier Minuten gutlaufen zu können. In Schlierbach und auf den flacheren Strecken zum Krehberg (dem höchsten Berg und der längsten Steigung des Nibelungensteigs) hinauf funktioniert ein leichtes Joggen noch. Tatsächlich arbeiten meine Beine in steilen Steigungen noch sehr effektiv, ich kann ein schönes Tempo halten, die Kraft ist da. Ab dem Krehberg geht dann aber mit Laufen gar nichts mehr, ich bin zum flotten Wandern gezwungen. Eine Apothekerin, die hört, dass ich der Idiot bin, der den Nibelungensteig am Stück läuft, schenkt mir Magnesium, das bringt zwar nichts, ist aber eine schöne Geste. Mein Problem sind keine Krämpfe und auch Energie habe ich mehr als genug, es ist nur eben so, dass die gereizten Sehnen meine Waden immer wieder dazu zwingen, dicht zu machen.

Sieht so klein aus und ist doch so groß: Der Nibelungensteig

Steigungen und leichtes Gefälle sind optimal, hier kann ich auch im Gehen noch stabil anschieben. Eine Zeit unter 20 Stunden ist nicht mehr drinnen, selbst die 21 Stunden geraten in Gefahr, deshalb schalte ich in den Powerhiking-Modus, vermeide Pausen, verzichte aufs Essen.

Etappe 9: Reichenbacher Felsenmeer – Zwingenberg (12,4 km/ ca. 550 Hm)

Am Parkplatz unterhalb des Reichenbacher Felsenmeers wartet Christian ein letztes Mal mit dem Auto. Auch hier bemühe ich mich, nicht zu viel Zeit zu vertrödeln. Mir stehen noch zwei harte Anstiege bevor: Durchs Felsenmeer auf den Felsberg und dann auf den Melibokus. Mittlerweile mache ich mir weniger Sorgen darum, ob meine Kraft für den Weg hinauf reicht, mir graut eher vor dem Weg hinab. Natürlich ist der, mit unregelmäßigen Treppenstufen versetzte Pfad das Felsenmeer hinauf, anstrengend, doch durch die moralische Unterstützung meiner Begleiter, kommen wir recht flott oben an.

Schwer in die Beine geht dann aber gerade das erste Stück vom Felsberg herunter. Auf einen Haselnussstock gestützt, versuche ich den Druck von meinem rechten Bein zu nehmen. Während das linke zuerst mit dem Zicken angefangen hatte, war es nun die andere Seite, die mich quälte. Aber ins Ziel nach Zwingenberg waren es nur noch knapp 10 Kilometer, das würde ich mir nicht mehr nehmen lassen. Gehend, humpelnd und notfalls kriechend.

Nachdem mir der Felsberg doch ziemlich wehgetan hatte, fiel mir der Melibokus verhältnismäßig leicht. Sowohl im Aufstieg, als auch beim Abstieg konnte ich im Powerhike eine ordentliche Pace halten. Für einen Ausblick vom Aussichtsturm auf die Bergstraße hatte ich ebenso wenig die Muße, wie für die vielen Sehenswürdigkeiten des Felsenmeers. Jetzt zählte nur noch das Ziel.

Auf den letzten paar hundert Metern warf ich meinen Haselnussstock weg (Halleluja, ich kann wieder gehen) und fiel sogar noch mal in einen leichten Laufschritt, rechts konnte ich das stilisierte „N“ ausmachen, das seit kurzem den Eingang zum Nibelungensteig markiert und da vorne tauchte der kleine Trinkwasserbrunnen auf, dann lief meine Mum ins Bild. Ich hatte es geschafft. Die offizielle Zeit auf meiner Uhr vermeldete 20 Stunden, 27 Minuten und 29 Sekunden – vermutlich als Erster hatte ich den Nibelungensteig am Stück gelaufen und mit der Zeit war ich durchaus sehr zufrieden.

Nachwehen

Christian setzt meine Eltern und mich vor der Haustür in Lindenfels ab, die letzte große Herausforderung steht mir bevor: Die Treppen hinauf zur Wohnung. Auf allen Vieren (wortwörtlich) kriechend, ziehe ich mich die Stufen hinauf, der Weg kostet mich mehr Kraft als der letzte Anstieg auf den Melibokus. Oben angekommen zwinge ich mich unter die Dusche, schlüpfe in frische Klamotten und ab auf die Couch. Fast augenblicklich schlafe ich ein, gegen Abend schleiche ich ins Bett, bei jedem Schritt rebellieren meine Sehnen.

Müder Krieger – ab jetzt steht die Regeneration im Vordergrund

Am nächsten Tag fällt alles schon ein wenig leichter, das Aufstehen, das Gehen, das Bewegen allgemein. Am Montag genieße ich bereits schon wieder einen kleinen Spaziergang. Sei es meine gute Vorbereitung, sei es meine Pflanzen-Power-Ernährung, die Regeneration geht viel schneller voran, als ich es erwartet hatte. Das ist auch gut so, denn in der folgenden Woche wartet ein regelrechter Medienmarathon auf mich. Jeder will über den Verrückten berichten, der den Nibelungensteig in 20,5 Stunden gelaufen ist – mir soll es recht sein, denn so kann ich die Aufmerksamkeit auf meine Spendenaktion für den WWF zum Schutz und Erhalt unserer Wälder lenken.

NibelungenULTRA – Spendenlauf für den WWF zum Schutz der Wälder

Danksagung

Ich habe mich schon vor dem Lauf für die großartige Unterstützung bedankt, doch es schadet nicht, allen Beteiligten ein weiteres Mal meinen allerherzlichsten Dank auszusprechen. Allen voran meinen Eltern, die mich bei jeder dummen Idee unterstützen und zu mir stehen. Enorm wichtig für den Erfolg war aber auch meine kleine Crew, Christian und Thorsten, die mir doch einiges erleichtert und bestens auf mich aufgepasst haben. Danke auch an Marco und Nico für ihre moralische Unterstützung auf den letzten, schweren 30 Kilometern. Großen Dank schulde ich auch allen, die zuhause gesessen und die Daumen gedrückt haben. Ihr glaubt gar nicht, wie viel Kraft es gibt, wenn man weiß, dass einen die positiven Gedanken, von so einer großen Menge Menschen begleiten.

Meine Crew und ich. Wäre hier jeder drauf, dem ich Dank schulde, würde das Bild nicht reichen

Eine Frage, die nach dem NibelungenULTRA immer wieder an mich herangetragen wird, ist: Was kommt als nächstes? Das ist verständlich, wenn man weiß, wie ich ticke. Mein Kopf rennt schnell in die Zukunft, liebt es Pläne zu schmieden, geifert nach einem neuen Projekt. Und genau deshalb habe ich mir verboten bis Ende September an ein neues Projekt zu denken. Jetzt schon das Nächste zu planen, würde das, was ich gerade erreicht habe, herabwürdigen. Dafür habe ich zu lange und zu hart auf den Erfolg beim NibelungenULTRA hingearbeitet – jetzt möchte ich diesen Erfolg erstmal in vollen Zügen genießen.

2 Kommentare zu „Der NibelungenULTRA – Teil 2: Der Laufbericht

Gib deinen ab

  1. Hallo Flo – ich musste mehrfach an Deine Tour denken, als ich jetzt in den vergangenen drei Tagen (Freitag bis Sonntag – 18. bis 20. September) den Nibelungensteig selbst durchwandert bin. Ich bin ihn entgegengesetzt zu Deiner Laufrichtung unterwegs gewesen – gestartet in Zwingenberg. Erster Tag endete in Bullau, der zweite in Amorbach und die letzte Etappe führte mich dann zum Ziel. Ich war insgesamt knapp 24 Stunden unterwegs.
    Es musste schon brutal sein, die Steigungen (egal ob hoch oder runter) noch in der Stockfinsternis zu laufen. Respekt. Ganz großen Respekt. Und ich habe auch danach die Unterschenkel gespürt und konnte heute kaum laufen. Der linke Knöchel war ganz dick – und mehrere Blasen machten mich zu schaffen. Vielleicht lag es dann doch an der nicht ganz professionellen Ausrüstung.
    Die Idee war schon in der Corona-Zeit des Lockdowns geboren – ich war sehr viel zu Fuß unterwegs und hatte den Burgensteig von Eberstadt nach Bensheim als Training genutzt. Ein knapper 6er Schnitt pro Stunde. Fast wäre der Nibelungensteig auch in zwei Tagen (bei Tageslicht) möglich gewesen – ich hatte nur Angst in Freudenberg zu spät zum Zug für die Heimfahrt zu kommen.
    Also: nochmals Respekt für Deine Leistung – ich hatte davon bereits vorab in der Zeitung gelesen. Ich wünsche weiterhin viel Spaß bei den „verrückten“ Ideen – dafür bin auch ich bekannt.
    Bei mir ist das nur ein Nebenhobby – sonst bin ich eher bei anderen zeitintensiven Hobbys unterwegs (auch Sport – Tanzen).
    Recht herzliche Grüße nach Lindenfels hier aus Bensheim

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    1. Hallo Walter, ganz lieben Dank für deinen Kommentar! Und Glückwunsch zu deiner eigenen Leistung, den Nibelungensteig „nebenher“ in drei Tagen zu schaffen, hat allen Respekt verdient. Den Burgensteig (und auch den Alemannenweg) bin ich auch schon gegangen – die aber in gemütlichem Tempo gewandert ;-). Es ist in der Corona-Zeit sicherlich nicht schlecht in einer Region zu leben, die so viele schöne Ecken zu bieten hat.
      P.S.: Obwohl ich für einen Ausrüster arbeite, kommt bei mir Ausrüstung bei den Prios immer erst recht zum Schluss. Nichts ersetzt die vielen Kilometer, die man sich in die Beine stellen muss, um am Ende gesund durchzukommen (und auch bei mir hat’s ja am zum Schluss gehörig gezwickt).
      Ganz liebe Grüße,
      Flo

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