Raceday – Zeit zum Danke sagen

Der große Tag ist gekommen. Endlich! Oder schon … ich bin mir da selbst nicht so sicher. Gefühlt hätte ich noch etwas mehr Vorbereitung brauchen können, aber hätte ich diese Zeit gehabt, dann würde sich dasselbe Gefühl auch dann einstellen. Wenn man vor einer unbekannten Herausforderung steht, hat man dem eigenen Verständnis nach nie genug gemacht. Der Zweifel ist mein konstantester Trainingspartner, aber das ist okay, ich weiß ihn zu nehmen, ich weiß, er gehört dazu, er spornt mich an, er zeigt mir, dass mir die ganze Sache wichtig ist. Doch heute ist die Zeit des Zweifelns vorbei, jetzt muss ich mich darauf verlassen, dass mein Kopf und mein Körper funktionieren.

Bereit? So bereit, wie man für das Unbekannte sin kann.

Nibelungensteig – zu schön, um ihn zu Rennen?

Vor mir liegen die über 130 Kilometer und irgendetwas zwischen 4.300 und 5.000 Höhenmeter (die Angaben schwanken was das angeht je nach Quelle sehr stark) des NibelungenULTRAs. Von Freudenberg am Main geht es einmal quer durch den Odenwald nach Zwingenberg an die Bergstraße; durch drei Bundesländer (Bayern, Baden-Württemberg und Hessen); entlang eines ständig auf und ab führenden Trails in einer kulturell und landschaftlich wunderschönen Gegend. Viel Zeit für das Kulturelle und den landschaftlichen Reiz werde ich freilich nicht haben. Zum Glück bin ich den Weg vor einigen Jahren entspannt gewandert und konnte all dem, was der Steig bietet, genug Aufmerksamkeit entgegenbringen.

Auf der Homepage des Nibelungenlands findest du übrigens viele Infos, Aktuelles und Interessantes, wenn du den Nibelungensteig mal selbst erwandern möchtest.

Homepage des Nibelungenlands

Quälen und genießen

Ab Freitagabend heißt es, Zähne zusammenbeißen, Füße in die Erde krallen, den Kopf runternehmen (im übertragenen Sinne, denn ein hängender Kopf ist schlecht für die Haltung) und einen Schritt vor den anderen Setzen (so ungefähr 150.000 bis 200.000mal). Ich weiß was mir bevorsteht und ich nehme das nicht leicht, im Gegenteil, ich erwarte einen harten Kampf sowohl körperlich, wie auch mental. Ich habe genug darüber gelesen, was ein Ultramarathon einem Menschen antut, bin mir aber auch darüber im Klaren, dass es nochmal eine andere Geschichte ist, selbst in dieser Situation zu stecken. Ich bin gut vorbereitet und doch weiß ich, dass es hunderte von Dingen gibt, die einem Erfolg im Wege stehen. Selbst erfahrene, besser trainierte Ultraathleten müssen immer wieder ihre Wettkämpfe abbrechen, weil unterwegs etwas komplett aus dem Ruder läuft.

Auf und Ab – das typische Profil des Nibelungensteigs

Trotzdem versuche ich den Lauf zu genießen. Das Training was intensiv und zehrend und ich habe lange auf diesen Tag hin gefiebert, jetzt ist er da, warum also nicht versuchen, dabei so viel Spaß zu haben, wie irgendwie möglich? Dabei möchte ich es mit Dean Karnazas halten:

“Run when you can, walk if you have to, crawl if you must; just never give up.”

Dean Karnazas – aka The Ultramarathon Man

Druck und die eigene Erwartungshaltung

Der Druck ist groß, gar nicht so sehr der Druck von außen, sondern der Druck, den ich mir selbst auferlege. Ich habe immer viel von mir selbst verlangt, selten mit dem zufrieden, was ich gerade habe und wo ich gerade stehe – immer auf der Suche nach einem besseren Ich. Von außen habe ich nichts als Aufmunterung und Zuspruch erlebt, eine positive Welle, die mich hier an den Start des Laufs gespült hat. Ich will niemanden da draußen enttäuschen. Freunde, Verwandte und Arbeitskollegen drücken ihre Daumen wund (hoffe ich zumindest). Verschiedene Zeitungen haben mehrmals über den Lauf berichtet, mein Arbeitgeber die Bergzeit, das Nibelungenland, die Stadt Lindenfels und nun sogar der Landrat des Kreis Bergstraße (er möchte sogar ein Stück mitlaufen) haben meine Aktion nach besten Kräften unterstützt.

Der Wald sagt Danke

Würde ich irgendjemanden davon enttäuschen, wenn ich den Lauf abbrechen müsste? Keine Ahnung, wahrscheinlich eher nicht. Aber der Lauf hat seine eigene Dynamik entwickelt, es geht um mehr, als darum, ob ich den Nibelungensteig an einem Tag schaffe. Viele Spenden sind in den letzten Tagen eingegangen und ich überlege sogar, ob ich das Spendenziel nochmal anheben soll (ich will ja niemanden abschrecken, der etwas Gutes für den Wald tun möchte und dann sieht, dass das Ziel bereits erreicht ist. P.S.: Selbst wenn das Ziel erreicht ist, könnt ihr natürlich weiterhin spenden, die Aktion läuft noch bis Ende September).

Fast 1.500 Euro sind bisher an Spenden eingegangen – der Wald und ich sagen Danke!
(Stand 03.09.2020)

Die Spendenaktion läuft noch bis Ende September und nachdem wir so kurz vor der 2.000 stehen, glaube ich, dass wir sogar 2.500 Euro zum Schutz und Erhalt unserer Wälder sammeln können.

NibelungenULTRA – Spendenlauf für den WWF

Außerdem hoffe ich, das kleine bisschen Aufmerksamkeit, das ich kreieren konnte, dafür genutzt zu haben, andere zu einem aktiveren Lebensstil zu inspirieren. Niemand muss (oder sollte) einen Ultramarathon laufen, aber Bewegung, frische Luft und eine vollwertige Ernährung hilft uns allen.

Ich sage Danke

Bei allem, was sich über die letzten Wochen und Monate entwickelt hat, käme ich mir wie ein Heuchler vor, wenn ich den NibelungenULTRA nicht durchziehe. Was jetzt einen negativen Beiklang hat, ist eigentlich gar nicht so gemeint, denn ich weiß, dass ich in den schwierigen Phasen des Laufs genau aus dieser Quelle Energie ziehen werde. Wenn ich daran denke, dass ich nicht rein für mich alleine laufe, sondern die Hoffnungen und Wünsche eines großartigen Umfelds mich begleiten, dann tritt der Schweinehund nicht gegen mich andern, er tritt gegen uns alle an.

Am Anfang meiner Vorbereitung und während vieler Trainingsläufe habe ich mich noch sehr damit beschäftigt, ob ich der Erste sein werde, der den Nibelungensteig am Stück in 24 Stunden laufen wird. Ich dachte daran, eine tolle Zeit vorzulegen, damit spätere Läufer eine harte Zeit zum Knacken hätten. Diese Gedanken sind nach und nach verschwunden. Wen interessiert es, ob ich der Erste war? Und kann ich das wirklich behaupten? Vielleicht hat irgendein Läufer oder eine Läuferin den Steig schon gemeistert, ohne ein großes Tohuwabohu daraus zu machen. Außerdem wird es immer einen geben, der schneller ist (zumal ich eine ziemliche Schnecke bin). Je näher der NibelungenULTRA kam, desto weniger Motivation zog ich aus diesen Höher-Schneller-Weiter-Gedanken.

Das ich einen Beitrag (und sei er noch so klein) dazu leiste, dass wir einen gesünderen Planeten haben; das mein Lauf andere motiviert und zu einem gesünderen Lifestyle inspiriert (und sei es nur ein klitzekleines Bisschen), das gibt mir viel Kraft. Der Zuspruch von euch und euer Glaube an mich, inspiriert und motiviert mich meinerseits. Wahrscheinlich wisst ihr gar nicht, wie dankbar ich euch bin. Seit ich offen über die Idee des NibelungenULTRAs gesprochen habe, durfte ich nichts anderes als positives Feedback erfahren. Diese Energie möchte ich mit in den Lauf nehmen, damit sie mich in den schweren Augenblicken weiter treibt.

Live-Tracking? Nö.

Ich wurde immer wieder gefragt, ob ich eine Art Live-Tracking für den Lauf habe. Habe ich nicht. Niemand wird die ganze Nacht über wachsitzen, um zu verfolgen, wie ich über die Strecke krieche. Außerdem gefällt mir der Gedanke, dass es diese Ungewissheit gibt: Wo ist er wohl gerade? Ist er noch unterwegs? Läuft alles? Ist er noch in der Zeit? Damit ihr dennoch an dem Event teilhaben könnt, werde ich in einer Instagram-Story (unter wolf.runs.trails) Zwischenmeldungen geben, wenn ich bestimmte Checkpoints erreiche. Das wird mit Sicherheit keine große Rundumberichterstattung, denn dazu werde ich sicher keinen Nerv haben. Dennoch werden meine Begleiter reichlich Fotos machen, die ich in der folgenden Woche noch schön aufbereiten werde, um den Lauf zu dokumentieren. Dazu wird die Bergzeit über ihren Instagram-Account eine schöne Story zusammenbasteln, vor allem auch, um auf die Spendenaktion aufmerksam zu machen.

Schau auf Instagram bei wolf.runs.trails vorbei und behalte meinen Fortschritt im Blick:

Invictus

Für mich gibt es kaum einen besseren Weg, in diesen Lauf zu starten, als mit den Worten von William Ernest Henley in seinem wunderbaren Gedicht Invictus:

Out of the night that covers me,
                Black as the pit from pole to pole,
I thank whatever gods may be
                For my unconquerable soul.

In the fell clutch of circumstance
                I have not winced nor cried aloud.
Under the bludgeonings of chance
                My head is bloody, but unbowed.

Beyond this place of wrath and tears
                Looms but the Horror of the shade,
And yet the menace of the years
                Finds and shall find me unafraid.

It matters not how strait the gate,
                How charged with punishments the scroll,
I am the master of my fate,
                I am the captain of my soul.

Ein Kommentar zu „Raceday – Zeit zum Danke sagen

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  1. Ich wünsche dir ganz viel Spaß und Durchhaltevermögen bei deinem Lauf. Halt die Ohren steif, und immer ein gutes Mantra in der Tasche.
    Gruß von Christian aus Freudenberg 🍀

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