NibelungenULTRA Trainingstagebuch: Episode 6

Es wird mal wieder Zeit, euch ein Update zu meiner Vorbereitung auf den NibelungenULTRA zu geben. Wobei Zeit genau das richtige Stichwort ist. Knappe neun Wochen sind es nur noch, bis ich meine Haxen auf dem Nibelungensteig teste, bis ich herausfinden werde, ob sich die ganze Schufterei auch wirklich gelohnt hat. Obwohl sich, egal wie der Lauf ausgeht, die Schufterei so oder so auszahlen wird, schließlich habe ich körperlich und mental enorm davon profitiert. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich mich im vergangenen halben Jahr in beiden Bereichen weiterentwickelt habe. Deshalb darf ich die Frage, ob ich erfolgreich war schon jetzt mit einem dicken Ja beantworten. Das nimmt natürlich keineswegs die Spannung aus dem Event selbst, denn ehrgeizig bin ich schon auch: Ich will das verdammte Ding wuppen.

Der Blick vom Rabenkopf in die Alpen – auch beim Laufen kann man sich Zeit nehmen, die Landschaft zu genießen

As Time Goes By

Zeit spielt auch aus einem anderen Grund eine Rolle. Derzeit liegen meine Trainingswochen bei 110+ Kilometern und steigen bald auf 120+ Kilometer, ja, das ist anstrengend aber noch mehr heißt es, dass ich viele Stunden pro Woche auf irgendeinem Trail verbringe. Zu den ca. 15 Stunden Lauftraining kommen noch ca. 5 Stunden für Warm-Up und Mobilitätsarbeit, außerdem verbringe ich immer mehr Zeit bei der Regeneration und in der Küche. Ich will mich gar nicht beklagen, es ist eine reine Feststellung. Ich laufe ja auch gerne und das große Ziel rückt immer näher. Aber das ist eben der Grund, warum meine Updates aktuell eher spärlich ausfallen und auch so keine weiteren Artikel zum Laufen allgemein, zur Ernährung und zu einem bewussten Lebensstil erscheinen. Alles steht hinten an, damit ich mir nachher beim NibelungenULTRA nicht vorwerfen kann, mich nicht genug vorbereitet zu haben.

Tatsächlich hatte ich zu Ende Juni schon mehr Kilometer in die Beine bekommen, als ich im gesamten letzten Jahr gelaufen bin.

So sieht mein Trainingsjahr bis dato aus, zwei intensive Monate werden noch dazukommen

Zeit spielt auch aus einem weiteren Grund eine Rolle. Ich habe den Lauf bewusst in den Herbst geschoben, damit ich ausreichend Trainingskilometer sammeln kann, aber auch, weil ich mit zu heißen Temperaturen nicht sonderlich gut klarkomme. Meine schnellsten Runden drehe ich an verregneten Tagen, wenn es kühl ist oder auch wenn es dunkel wird (vielleicht hatte ich deshalb intuitiv zu Beginn eher sogar an den Oktober gedacht).

Ich, der Trail und die Anderen

Eine Sache lässt sich durch meinen Start im September nicht vermeiden: Dass andere Läufer über den Sommer hinweg ihr Glück auf dem Nibelungensteig suchen. Stand heute weiß ich von zwei Läufern, die vor mir versuchen den Trail zu bewältigen. Einer davon hat es letztes Jahr schon mal probiert und musste nach 90 Kilometern aussteigen, da er kein Wasser mehr auftreiben konnte. Dieses Jahr (so wurde mir von einem Vögelchen gezwitschert) wollte er es Ende Juni mit den Erfahrungen vom vergangenen Jahr erneut versuchen. Ob etwas daraus geworden ist? Keine Ahnung. Aber falls er das hier liest, lass es mich wissen. Mit einem anderen Läufer stehe ich gegenwärtig in Kontakt, er startet Mitte August, will erstmal 100 Kilometer schaffen und dann sehen, was noch geht (Hi David, ich drücke dir die Daumen, dass du nach den Hundert noch genug Saft in den Beinen hast, um auch noch die restlichen 30 Kilometer abzureißen).

Die erste Reaktion, wenn man hört, dass zwei andere Läufer noch vor einem den Trail laufen wollen ist: Fuck! Warum dieses Jahr? Warum zu dieser Zeit? Das ist die Intuition des Wettkämpfers, der sich denkt: Ich werde nicht der erste sein, der den Nibelungensteig am Stück in unter einem Tag gelaufen ist. Was wenn die Beiden eine Zeit vorlegen, an der es schwer wird, sich zu messen? Wenn nicht der Erste, dann doch wenigstens der Schnellste…

Manchmal ist es ganz knapp, aber beim NibelungenULTRA soll es nicht ums Erster oder Schnellster gehen

Ich glaube die Reaktion ist nur menschlich, doch tatsächlich wurde sie schnell von einer anderen Denkweise abgelöst. Dieses ganze eitle Wer ist der Erste, wer ist der Schnellste, das ist nichts weiter als ein Ausdruck des falschen Egos, über das ich schon häufiger geschrieben habe. Es ging mir beim NibelungenULTRA nie darum, mich mit jemand anderem zu messen, es ging darum, etwas zu schaffen, von dem ich vor nicht allzu langer Zeit dachte, ich wäre dazu nie in der Lage. Außerdem geht es mir ja neben der Spendensammlung für den WWF auch darum, diese wunderschöne, aber häufig übersehene Region stärker in den Fokus zu rücken. Wenn also nun mehr Menschen Freude am Laufen und am Ultralaufen im Besonderen finden und diese Freude auf dem Nibelungensteig austoben, dann ist das doch ein Grund zu feiern.

Geht wandern Leute

Übrigens: Neben dem Nibelungensteig gibt es auch noch drei weitere Fernwanderwege in der Region, die alle einen Besuch wert sind. Neben dem Nibelungensteig bin ich auch schon den Burgensteig und den Alemannenweg gegangen und kann sie wärmstens jedem Wanderfreund (und Läufer empfehlen). Der Neckarsteig steht bei mir noch aus, wird aber bestimmt noch folgen.

Schaut mal vorbei auf der Seite des Nibelungenlands und stöbert bei Wandern Hoch Vier

Nibelungenland Wandern Hoch Vier

Letztes Trainingscamp im Odenwald

Vergangene Woche war ich dann auch mal wieder im Odenwald für ein paar letzte Trainingsläufe vor Ort, dabei habe ich eine Sache ganz besonders genossen. Alleine zu sehen, wohin mich meine eigenen Beine tragen können, gibt mir das Gefühl autark zu sein. Nicht auf ein Auto angewiesen und komplett klimaneutral bin ich einen Freund besuchen gelaufen, der unterhalb der Burg Frankenstein wohnt.

Ohne Dreck in die Luft zu blasen, finden meine Füße den Weg über die Hügel des Odenwaldes bis hin an die Bergstraße, um von der Starkenburg durch Weinhänge, über das Kirchberghäuschen und das Fürstenlager wieder nachhause zurückzufinden.

Klimaneutral auf zwei Beinen

Wenn ich heute irgendwo eingeladen werde oder an einen Ort will, schaue ich als erstes nach, ob ich dorthin laufen kann. Wenn du also am nächsten Sonntagmorgen ins Auto steigen willst, um zum Bäcker zu fahren, dann denk an den Bekloppten mit seinen Laufschuhen und überlege, ob du nicht vielleicht die Chance nutzt, ein paar Schritte zu gehen. Die Natur dankt es dir.

Und das bringt mich auch schon zu einem traurigen Thema. Sorry, wenn ich immer wieder darauf herumreite, aber unseren Wäldern geht es schlecht. Ach was, ihnen geht es hundsmiserabel! Vom Wohnzimmer meiner Eltern aus habe ich immer den Blick ins Tal und über die weiten Waldgebiete genossen. Heute möchte ich am liebsten weinen. Überall stehen ganze Gruppen an braunen, verdorrten, toten Bäumen herum. Mehr und mehr Flächen müssen gerodet werden, da die Bäume kaputt sind. Wegen des heftigen Borkenkäferbefalls konnte ich einige meiner liebsten Trails nicht laufen, da die entsprechenden Wege wegen zu großer Gefahr durch umstürzende Bäume gesperrt waren.

Kahlschlag – Leider sieht es im Odenwald (und auch anderswo) heute so aus

Die Region steuert auf ihr drittes Dürrejahr in Folge hin, die Auswirkungen des Klimawandels sind mehr als deutlich sichtbar.

Wie geht’s weiter?

Stand heute bleiben mir noch sieben Trainingswochen, gefolgt von zwei Wochen Tapering (aktive Ruhewochen, damit man mit frischen Beinen in den Wettkampf startet). Lange ist es also nicht mehr hin und wie damals, bei der Vorbereitung auf eine Klausur, habe ich das Gefühl soweit mein Möglichstes getan zu haben. Nur ob das Möglichste gut genug ist, wird das erste Septemberwochenende zeigen.

In den noch verbleibenden Trainingswochen stehen vier Wochen mit 120+ Kilometern auf dem Plan. Außerdem hoffe ich, dass sich noch ein Generalprobenlauf ausgeht, bei dem 80+ Kilometer angepeilt sind. Das heißt, dass noch viel Arbeit vor mir liegt. Dabei muss ich aufpassen, schließlich will ich mich auf den letzten Wochen nicht kaputt machen. So hart auf der roten Linie balancierend, spüre ich es, wenn ich das Tempo zu sehr forciere, mir zu wenige Pausen gönne, das Volumen zu stark erhöhe. Dann zieht es im linken Knie und ich merke, wie die Spannung im rechten Unterschenkel zunimmt, meine Waden krampfen und am Schienbein kriecht ein altbekanntes Brennen empor. Deshalb verbringe ich wieder mehr und mehr Zeit auf der Massagerolle oder knete meine Gelenke mit Bällen durch. Außerdem werde ich nicht davor zurückschrecken, mir zusätzliche Pausentage zu gönnen, wenn es sein muss.

Man darf sich ruhig Zeit nehmen und am Gipfel entspannen – die nächste Herausforderung kommt bestimmt

Inspiriert von einem Kollegen bin ich auf eine weitere Challenge gestoßen, von der ich bereits gelesen, sie jedoch irgendwie vergessen hatte. Das 4/4/48-Challenge. Von niemand anderem ins Leben gerufen als vom vielleicht härtesten Mann der Welt David Goggins (wer Goggins nicht kennt, sollte dringend sein Buch Can’t hurt me lesen). Die Herausforderung besteht darin, innerhalb von 48 Stunden alle 4 Stunden 4 Meilen (ca. 6,5 Kilometer) zu laufen – also wirklich alle 4 Stunden, eben auch in der Nacht. Pro Tag sind das 39 Kilometer, eine Distanz, die an und für sich kein Problem darstellt, das gemeine an der Challenge ist, dass du nur kurze Ruhephasen hast und kaum wieder zuhause bereits daran denkst, dass du bald wieder rausmusst. Ich glaube das würde mir gefallen, um meine Routine aufzulockern. Mal sehen, vielleicht nächstes Wochenende.

Und wie geht es danach weiter?

So langsam rückt das eine Großprojekt des Jahres in greifbare Nähe, wandern meine Gedanken schon in die Zeit danach. Worauf möchte ich meine Energie nach dem NibelungenULTRA fokussieren? Nun ja, direkt am Wochenende nach dem großen Lauf, steht gewissermaßen der nächste große Lauf an. Noch bin ich für das Innsbruck Transalpine Trailrunning Festival gemeldet, um dort die 85 Kilometer Distanz zu laufen. Eigentlich war der Lauf als Formcheck fürs Frühjahr diesen Jahres gedacht, doch dann kam Corona. Nun wurde er auf das Wochenende nach dem NibelungenULTRA terminiert. Ob ich meinen Startplatz wahrnehme? Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Das hängt hauptsächlich damit zusammen, wie ich mich fühle, wie ich regeneriere und ob ich die Motivation dazu aufbringen kann.

What’s next – noch nicht mal am Ziel und schon schweift mein Blick in die Zeit danach

Dazu hat mich ein Kumpel gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm an einer Art CrossFit Team-Wettkampf im Dezember teilzunehmen. Ich müsste also in den drei Monaten nach dem NibelungenULTRA mein Training umstellen und nochmal ordentlich Gas geben, um mich in diese Richtung zu konditionieren. Will ich das? Zu jedem anderen hätte ich Verpiss dich gesagt, aber der Kerl hier hilft mir als mobile Versorgungsstation und Arschtreter beim NibelungenULTRA und ist rein zufällig mein bester Freund. Da fällt es schwer, nein zu sagen. Das CrossFit-Training ist zwar knüppelhart, aber nicht so zeitintensiv wie das Laufen, deshalb ist das eigentlich auch eine ganz gute Möglichkeit, in Form zu bleiben, mal etwas Abwechslung zu bekommen und nebenbei mehr Zeit (oder überhaupt mal Zeit) fürs Schreiben zu finden.

So oder so, mit dem NibelungenULTRA wird ein Abschnitt zu Ende gehen. Davon abhängig, wie alles läuft, werde ich dann auch wissen, ob ich mich weiterhin auf die Tortur Ultralaufen einlasse und in welchem Umfang.

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