Ursache und Wirkung und die Aufmerksamkeit des Goldfischs

Mieses Timing

Mieses Timing, ja, so könnte man es nennen. Mieses Timing ist etwas, das mich begleitet, seit ich in die Vorbereitung für den NibelungenULTRA gestartet bin und meine Spendenaktion Die Lunge brennt ins Leben gerufen habe. Mieses Timing, das sind die Hürden, die mir im Wege liegen, ich kann nicht verhindern, dass sie dort liegen. Ich kann sie hinnehmen und über sie hinwegklettern.

Als wir uns noch um unsere Umwelt sorgten

Gerade noch hatte Australien gebrannt, Kalifornien und der Regenwald. Die Debatte über die Klimaziele war in aller Munde, wir alle waren uns einig, dass das, was wir derzeit tun nicht ausreicht. Politisch gewannen die ökologischen Parteien starke Zuläufe, Greta war mit ihren Fridays for Future aktiv, verursachte Kontroversen, weil sie ein Thema ansprach, das es wirklich wert ist, das aber viele aus ihrer Komfortzone herauskitzelt.

Auch ich suchte nach einer Möglichkeit, meinen Beitrag für eine bessere Zukunft zu leisten. Heute retten wir die Welt. Wenn ich mich schon körperlich und mental auf dem Nibelungensteig zerkrümele und die Medien darüber berichten wollen, dann kann ich das bisschen Aufmerksamkeit nutzen, das ich kreiere, um Spenden zum Schutz der Wälder zu sammeln. Die Zeit schien günstig zu sein, für etwas einzutreten, an dem mir wirklich viel liegt.

Corona und die Aufmerksamkeit des Goldfischs

Dann kam das Virus. Sämtliche Nachrichten, ob in der Zeitung, im Fernsehen oder im Internet, alle berichteten nur noch über das Voranschreiten der Pandemie. Der Umweltschutz war plötzlich kein dringendes Thema mehr, lieferte keine Auflage, sorgte nicht für die Einschaltquoten. Ein normaler Prozess, schließlich ist die vierte Gewalt – unser liebes Mediensystem – nicht so unabhängig, wie sie gerne wäre. Sie ist nur bedingt frei und kaum noch vielfältig, sie ist, wie jedes Wirtschaftssystem, auf Einnahmen angewiesen. Was sich verkauft, ist gute Berichterstattung.

Wir als Gesellschaft mögen uns für intelligente, umfassend informierte Bürger halten, dabei besitzen wir die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs. Aus den Augen, aus dem Sinn. Klingt platt, aber nur weil es eines dieser Klischees ist, das sich seit jeher bewahrheitet hat. Umweltschutz? Pfft, wen interessiert das noch, wenn sich ein Virus von Land zu Land verbreitet und unser Leben auf den Kopf stellt. Okay, ich hab’s kapiert, die Situation ist ernst und hat die Aufmerksamkeit verdient. Ich bleibe zuhause, halte körperliche Distanz, setze meine Maske auf und trage die Bestimmungen zur Eindämmung der Pandemie. Das ist das, was ich machen kann.

Was mich stört an der ganzen Sache ist folgendes: Auch wenn nur noch über ein Thema berichtet wird und diese Geschichte unser Leben derzeit massiv beeinflusst, sollten wir unsere Zukunft nicht aus den Augen verlieren. Die Welt dreht sich weiter und alle Probleme, die wir vor der Pandemie hatten, sind nicht gelöst. Wir müssen nicht mal nach Amerika schauen, um zu erkennen, dass Rassismus nach wie vor existiert. Nein, mehr als das, der Rassismus nimmt auch hierzulande wieder zu. Wir sollten es mit unserer Geschichte besser wissen, aber auch hier kommt die Aufmerksamkeit des Goldfischs zum Tragen. Es ist doch schon so lange her und die Situation nicht mehr vergleichbar; damals war nicht alles schlecht; wir sind es leid, uns für das zu schämen, was vor Ewigkeiten passiert ist. Wenn ich all das und noch viel mehr höre, wird mir schlecht. Geschichte ist dafür da, dass man aus ihr lernt. Aber lernen wir?

Was haben wir gelernt?

Viel zu wenig. Gib den Taten und Versprechungen von gestern nur genug Zeit und sie geraten in Vergessenheit. Wohin Rassenwahn führt, musste nicht nur Deutschland in der Vergangenheit erfahren, kaum ein Land, das nicht mit diesem Problem zu kämpfen hatte oder noch kämpft. Überall fühlt sich die Masse überlegen über die Minderheiten und die Minderheiten werden, obwohl machtlos, als Bedrohung angesehen. Sie bedrohen unser rosarotes Weltbild mit ihrer Armut und ihren ach so üblen Machenschaften.

Auf diese Weise in die Ecke gedrängt, wundern wir uns da wirklich, wenn sich diese Minderheiten zusammenschließen und um ihr Dasein kämpfen. Was machst du, wenn dir niemand eine Chance gibt, Teil der Gemeinschaft zu werden? Wie geht es dir, wenn du siehst, wie andere in Wohlstand durch eine Welt spazieren, zu der du niemals Einlass bekommen wirst? Was würdest du machen, geflohen aus dem eigenen Land, weil du dort nicht mehr leben kannst, hineingeworfen in eine Welt, deren Sprache du nicht sprichst und die dich niemals als gleichwertig akzeptieren wird, egal wie sehr du dich bemühst?

Wundert es uns wirklich, dass diese Minderheiten alles tun, um sich und ihren Familien ein erträgliches Leben zu sichern?

Wir haben nichts gelernt. Wir begehen seit Jahrhunderten die gleichen Fehler. Ich war zu Beginn der Coronapandemie skeptisch, ob wir die richtigen Schlüsse daraus ziehen, ob wir die Krise als Chance nutzen würden. Die Zeit hat gezeigt, dass nur wenige Wochen ausreichen, wir das Problem nicht mal beseitigt haben und es dennoch kaum abwarten können in unser altes Leben, zu unseren alten Fehlern zurückzukehren.

Ursache und Wirkung

Kommen wir doch zurück zum ursprünglichen Thema, dem Umweltschutz, und lass uns doch mal ganz wild herumfantasieren. Ich denke gerne über das Prinzip von Ursache und Wirkung nach, was mich immer wieder zu einem Gedanken führt: Wir treten die Umwelt, die Umwelt tritt zurück. Sie tut das nicht bewusst mit einem klar gesteuerten Masterplan, ihr Grundprinzip ist die Anpassung, um zu überleben.

Wenn wir Tieren ihren Lebensraum wegnehmen, dringen sie in unseren Lebensraum ein (eigentlich dringen sie ja nicht ein, sie versuchen einfach nur da zu bleiben, wo sie waren, bevor wir kamen und es für uns beansprucht haben). Blöderweise bringen sie dabei auch Viren und Bakterien mit, die nach und nach lernen, den Mensch als Wirt zu akzeptieren. Et voilà, die nächste Seuche ist am Start, während Verschwörungsidioten über biologische Kampfstoffe aus Geheimlabors fabulieren.

Aus wirtschaftlichen Interessen destabilisieren wir sogenannte Entwicklungsländer, dabei sollen sie ja gar nicht entwickelt, sondern nur ausgebeutet werden. Das diese Ausbeutung das Land arm und die Destabilisierung zu Kriegen führt, ist ganz normal und ebenso normal ist auch, dass Menschen aus diesen Ländern fliehen wollen oder müssen.

Turbokapitalismus, Wachstum und Wohlstand sind die heiligen Kühe in unserer ach so zivilisierten Welt, davon wollen wir nicht abrücken. Und wenn wir nur genug Scheiß mit Öko-Siegel und grüner Verpackung kaufen, glauben wir genug gemacht zu haben für den Umweltschutz. Öko sind wir alle dann gerne, wenn es uns nicht wehtut. Vielleicht polarisiere ich an dieser Stelle, aber das ist mir herzlich egal. Natürlich betrachte ich die Welt durch meine Brille, das Gesehene sickert durch einen Filter aus gesammelten Erfahrungen, Informationen und den Schlüssen, die ich daraus ziehe. Echte Objektivität ist nicht möglich, wir Menschen sind keine rationalen Wesen, wir bauen uns ein Weltbild aus dem, was wir sehen und wie wir es interpretieren. Keine Frage. Aber was ich sehe und wie ich es für mich interpretiere, gibt kein gutes Zeugnis über unsere Gesellschaft ab.

Verwirrter Schwarm Goldfische ohne Orientierungssinn

Unsere Aufmerksamkeit hüpft von einem Thema zum nächsten, je nachdem, was wir gerade präsentiert bekommen. Wichtig ist nicht was wichtig ist, sondern was gerade aktuell ist und die Berichterstattung nimmt leider einen zunehmend meinungsbildenden Charakter an. Wir bilden deine Meinung, statt Bild dir deine Meinung. Große Schlagzeilen dienen nicht der Informationsbereitstellung, sie dienen dem Verkauf von Quote und Auflage. Das war schon immer so, zu einem gewissen Maß. Heute ist der Ton in seriösen Medien populistischer als der, in der Klatschpresse vor dreißig Jahren.

Aber das ist doch okay so, wir wollen nicht ständig von ernsten Themen belagert werden, wir wollen uns nicht selbst immer eine Meinung zu etwas bilden, wir sind froh, dass die Bundesliga wieder läuft, denn wir haben ein Anrecht auf Brot und Spiele. Wir sind froh, wenn wir die Probleme, die uns wirklich bedrohen, beiseiteschieben können, so tun können, als gingen sie uns nichts an. Dafür gibt es die Politik, sollen die mal machen. Und wir machen dann mit, wenn es uns in den Kram passt.

Ebenso wie die Medien, stellt auch die Politik ihr Fähnchen in den Wind, auch sie muss sich mit Programmen an uns verkaufen, die nach etwas aussehen, uns aber nicht wehtun; denn ansonsten wählen wir sie nicht mehr. Es ist paradox, dass sich Medien und Politik bei uns anbiedern, unsere Gunst wollen und dabei gleichzeitig versuchen, uns ihre Meinung zu verkaufen. Kein Wunder, dass wir unseren Orientierungssinn verloren haben und keines der uns bedrohenden Probleme (oder der Probleme, die unsere Kinder bedrohen) in absehbarer Zeit wirklich gelöst wird.

Doch solange nach den 20 Uhr Nachrichten wieder ein stimmungsvoller Blockbuster für Ablenkung sorgt, können wir unsere Goldfischhirne abdriften lassen, um uns schließlich im meinungs- (und handlungsleeren) Raum zu verirren.

Mieses Timing

Kommen wir auf den Anfang zurück. Ja, mieses Timing, dass die Coronapandemie sämtliche Aufmerksamkeit, die wir echten Problemen zumessen, in Anspruch nimmt. Dennoch bin ich froh, dass für meine Spendenaktion immerhin schon 700 Euro (Stand 15. Juni) zustande gekommen sind. Glaube ich, dass ohne die Coronathematik mehr Spenden eingegangen wären? Ja, das glaube ich. Das muss ich glauben, denn würde ich es nicht, müsste ich zu dem Schluss kommen, das der Welt (zumindest allen, die mich kennen und die diesen Blog lesen), der Schutz der Wälder, und damit eine der wichtigsten Grundlagen unseres Ökosystems, am Arsch vorbeigeht. Und wenn das so wäre, dann bringen kleine Aktionen, die in ihrer Summe alle ihren Beitrag zu einem besseren Morgen leisten, eh nichts mehr. Dann haben wir aufgegeben und warten im Schaukelstuhl auf unseren Untergang.

So, nachdem ich heute einfach Lust hatte, mich ein wenig auszukotzen, geht es beim nächsten Mal wieder um meine Vorbereitung zum NibelungenULTRA. Denn das nächste Trainingscamp im Odenwald startet diesen Mittwoch, ab dann findet ihr mich für die nächsten zehn Tage auf den Trails des Nibelungenlandes.

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