Die 100-Meilen-Woche und das Ego

(Nur) noch drei Monate zum NibelungenULTRA

Noch ganze drei Monate bis zum NibelungenULTRA. Nur noch drei Monate bis zum NibelungenULTRA. Der Blick auf den Kalender verrät es, es ist bald soweit. Und gerade bin ich mir nicht schlüssig, ob mir diese drei Monate lang oder kurz vorkommen sollen. Runtergebrochen entspricht das zwölf weitere Trainingswochen und daran anschließend knappe zwei Wochen Tapering (Tapering nennt man die Phase, in der man quasi gar nicht mehr trainiert und dem Körper Zeit gibt, den Tank vollzubekommen und die Reserven aufzufüllen. Eine schwierige Phase, da es intuitiv komplett falsch erscheint, in den letzten 10-12 Tagen vorm Event gar nichts, bzw. kaum noch etwas zu machen).

Die Zeit läuft: Nur noch drei Monate bis zum NibelungenULTRA

Runtergebrochen sind zwölf Wochen noch 65 bis 70 Trainingseinheiten und irgendwas zwischen 800 und 900 gelaufene Kilometer. Was sagt mir das? Keine Ahnung. Ehrlich nicht. Immer noch entzieht sich mir das Ganze. Die Frage die dahinter lauert ist folgende: Bist du bereit?

Ich kann mir nichts vorwerfen und bisher ist die Vorbereitung fast optimal verlaufen. Keine Verletzungen (Toi, Toi, Toi), viele erreichte Meilensteine, 220 Stunden Training und bis Stand heute 1.826,5 Kilometer, die ich dieses Jahr gelaufen bin. Aber wie immer, wenn man vor einer Herausforderung steht, die ebenso groß wie unbekannt ist, steht man im Niemandsland. War die Art des Trainings angemessen? War es trotz allem genug? Wie reagieren Körper und Kopf unter Feuer? Wie sehr sind sie bereit für Tag X?

Herausforderungen gegen die Trainingsroutine

Deshalb, aber auch weil es die Trainingsmonotonie unterbricht, liebe ich diese kleinen Herausforderungen. Angefangen bei meinen ersten 100k-Wochen, über das Every Street Projekt, den Vertical-K im Treppenhaus, meinen +60k Testlauf bis hin zur 100-Meilen-Woche, jede Herausforderung ob groß oder klein lockert das stupide Abspulen von Strecke auf und erweitert meine mentale und physische Widerstandsfähigkeit. Außerdem hilft mir jeder erreichte Meilenstein, mich mehr als das zu fühlen, was ich vorgebe zu sein: ein Ultraläufer.

Herausforderungen, nur so hältst du Schritt mit der Evolution

Wer bin ich und wo stehe ich?

Ehrlich gesagt, finde ich mich in einer seltsamen Situation wieder. Ich habe früher schon darüber geschrieben und tue es auch heute wieder. Wenn ich mich mit „normalen“ Menschen über das unterhalte, was ich tue, halten mich viele für bekloppt oder extrem. Dann wiederum habe ich Läuferkollegen, denen gegenüber ich mir immer noch wie ein Welpe vorkomme, der mit lauten Gekläffe zeigen will, dass er schon ein Großer ist. Da sind Leute dabei, die Strecken mit einem Tempo laufen und dabei Höhenmeter klettern, da fühle ich mich wie das dicke Kind im Schulsport, das ich einst war. Wie kann ich mich im Vergleich mit ihnen ernsthaft einen Ultraläufer nennen? In dem ich meine Abzeichen sammle. Ja, mir ist bewusst, dass es grundheraus falsch ist, solche Vergleiche einzugehen und dass es nicht gesund ist, sich mit jenen zu vergleichen, die den Sport seit zwanzig oder mehr Jahren betreiben, während ich erst vor knapp drei Jahren ernsthaft das Laufen als meinen Nummer 1 Sport etabliert habe (und davon habe ich fast ein Jahr wegen Verletzungen aussetzen müssen). Und doch tue ich es. Geht es mir darum ihnen etwas zu beweisen? Oder will ich mir etwas beweisen? Und wenn ja, was ist es? Mir geht es aber auch darum, dass ich nicht behaupten will, etwas zu sein, das ich nicht bin. Will mir keine Federn in den Hintern schieben und schreien, ich wäre ein Huhn.

Manchmal hat das Laufen etwas Zen-mäßiges, manchmal ist es aber auch der reine Kampf mit dir selbst

Durch das Laufen verbringe ich viel Zeit mit mir. Viel Zeit ohne Ablenkung. Nur ich, die Stimme in meinem Kopf, mein Körper, die Signale, die er sendet und dieses ständige Auf und Ab aus Empfindungen. So entspannt, so meditativ viele Läufe sind, sind sie doch auch eine Achterbahnfahrt durchs eigene Gefühlsleben. Ein zu großes Ego steht dir dabei im Weg, dennoch sind all diese gemeisterten Herausforderungen Nahrung für das Ego. Wie passt das zusammen? Ich wünschte, ich wüsste eine umfassende Antwort darauf. Tue ich aber nicht. Deshalb gibt es jetzt nur ein paar halbgare Erklärungsversuche.

Das Ego-Problem

Ein besonderes Projekt anzugehen, nur weil man dadurch sein Ego befriedigt, funktioniert nicht, zumindest nicht bei mir. Bei der Planung und Umsetzung von Projekten will ich mein Ego ausblenden, hier geht es nicht darum, eine Trophäe zu sammeln, die dann mit all den anderen Man-bist-du-toll-Statuen im Schrank steht. Solche Auszeichnungen vermissen jegliche Substanz und wenn es an Substanz fehlt, wie soll ich mich dann davon überzeugen, dass die ganze Schinderei es wert ist? Wie groß wird die Bereitschaft sein, den Schmerz zu ertragen?

Ein zu großes Ego führt auch schnell in Überlastungen, Übertraining und Verletzungen. Es will bei jedem Training schneller sein, weiter laufen, will tolle Zahlen auflegen, damit irgendwer ihm irgendwo einen virtuellen Daumen nach oben gibt. Ob Instagram, Facebook oder Strava, sie alle verleiten uns zu einer Like-Kultur. Wir tun nicht mehr, was wir tun wollen, sondern tun etwas, von dem wir glauben, dass es viele andere toll finden werden. Der Nachbarschaftskampf darum, wer den schöneren Garten oder das bessere Auto hat, ist zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen geworden, bei dem jeder einzelne sich aus der Masse hervorheben möchte. Jedes Like ist ein Ego-Boost, durch den man sich ein kleines Stückchen besser fühlt, ein klein Wenig bedeutender. Jedes Like scheint dir Sinn zu geben, dir zu zu zeigen, dass du etwas wert bist.

Der Like-Button – ein Brandbeschleuniger für substanzlose Egos

Aber diese Kicks sind vergänglich, sie füttern ein Ego ohne Substanz. Und dieses Ego ist gefräßig, wenn es keine neuen Anerkennungen von außen bekommt, frisst es dich. Also haust du den nächsten Beitrag raus, wartest auf die Likes, die Kommentare, die Aufmerksamkeit. Natürlich kannst du nicht zweimal nacheinander dasselbe machen und natürlich muss die nächste Aktion immer etwas spektakulärer sein als die vorherige. Aber warum hast du 20% weniger Likes darauf bekommen, obwohl du doch höher, weiter, schneller warst als beim letzten Mal? Diese Spirale führt nicht dazu, besser zu werden, sie zieht dich abwärts und zermalmt dich. Anstatt herauszufinden, wer du bist und wie gut du sein kannst, anstatt dich aus der Masse herauszuheben, bist du nur eine weitere, schreiende Stimme und wirst von der Masse zermalmt.

Dem Anerkennungswettkampf entfliehen

Auch ich bin auf all diesen Plattformen aktiv, dazu schreibe ich einen Blog, ich bin mittendrin in dieser ganzen Like-Kultur und versuche doch so viel Abstand wie möglich dazu zu halten. Mein letzter Post auf Instagram ist Wochen her; der Blog ist ein Hobby, ich schreibe nur etwas, wenn ich Lust dazu habe, betreibe keine SEO-Optimierung, halte ihn bewusst unprofessionell. Und Strava? Logo, jede Trainingseinheit wird von meiner Uhr direkt an die Plattform geschickt und gerade zu Beginn war die Versuchung groß, immer einen draufzusetzen. Vor allem wenn du siehst, was alle anderen hochladen, da willst du nicht hinterherhinken. Und (klassische Machodenke) du willst nicht gegen sie abstinken.

Immer noch einen draufsetzen wollen, macht dich nicht größer

Also ja, ich hänge auch in diesem Anerkennungswettkampf, versuche mich aber immer wieder dort rauszuziehen. Mal rutsche ich stärker rein (bin auch nur ein Mensch meiner Zeit), dann klopfe ich mir aber auch wieder auf die Finger und mache mir bewusst, dass nichts darüber aussagt, wer ich bin. Was mir wichtig ist, kann dir vollkommen egal sein, deshalb sind weder meine Ideen besonders gut, noch deine Ansichten falsch. Sie sind einfach nur unterschiedlich. Von allen gemocht zu werden (viele Likes zu bekommen) ist auch eine Art der Konformität. Ich tue etwas, bei dem ich glaube, dass es möglichst viele Leute mögen bzw. davon beeindruckt sind (auch wenn es mir selbst vielleicht gar nicht wichtig ist).

Lass das Ego raus

Deshalb versuche ich meine Projekte ohne Ego zu planen, zumindest ohne dieses schnelllebige, gefräßige Ego, das auf Fastfood-Anerkennung steht und nach ständiger Befriedigung giert. Stattdessen versuche ich Dinge zu finden, die mir Spaß machen und die mich wachsen lassen. Man kann hier auch von intrinsischer versus extrinsischer Motivation reden. Und ja, auch diese Aktionen kommen letztendlich dem Ego zugute, aber nicht originär zu dem Zweck, das eigene Ego zu füttern oder sich selbst als Außergewöhnlicher über die Gewöhnlichen zu erheben. Ich bemühe mich Herausforderungen zu finden, die mich wachsen lassen, auch mein Ego wird mitwachsen. Ein gesundes Ego mit Substanz, so hoffe ich zumindest.

Puh, eigentlich wollte ich nur kurz von meiner 100-Meilen-Woche berichten und bin vollkommen abgeschweift. Warum auch immer war es mir ein Anliegen, etwas auszuholen und zu zeigen, weshalb ich es liebe mir selbst Herausforderungen in den Weg zu legen. Außerdem wollte ich das Ganze in den Kontext setzen, wo ich mich gerade mental auf dieser Reise befinde. Denn eines ist klar: Je länger die Läufe, je weiter die Reise desto wichtiger ist es, die richtige Einstellung dazu zu haben.

Zum eigentlichen Thema: Die 100-Meilen-Woche

So zum Beispiel die 100-Meilen-Woche (kommen wir also doch noch darauf zu sprechen). 161 Kilometer in einer Woche zu laufen ist viel. Zumindest für die Meisten. Für die Cracks ist das normale Trainingsroutine. Hier also wieder der Zwiespalt, ist das, was ich leiste eine große Herausforderung oder mache ich der Welt nur etwas vor? Diese Frage kann ich nur ganz für mich beantworten. Wenn ich alles, was um mich herum passiert ausblende, mir überlege, dass ich erst anderthalb gute, verletzungsfreie Laufjahre in den Beinen habe, meine bis dato längste Trainingswoche nicht über die 120 Kilometer hinausgegangen ist, wenn ich mir überlege, dass 100 Meilen einem Schnitt von 23 Kilometern pro Tag entspricht, dann kann ich sagen ja, für mich ist das eine große Herausforderung. Sieben Tage am Stück im Schnitt etwas mehr als einen Halbmarathon laufen, ist etwas, das mich körperlich und mental beanspruchen wird.

Genau das tat die 100-Meilen-Woche. Ich stehe morgens auf und spüre noch den Lauf vom gestrigen Tag in den Beinen, alles fühlt sich ein bisschen steif an, irgendwie benutzt. Montag bis Mittwoch muss ich dazu noch arbeiten, deshalb muss ich die Läufe an den Abend quetschen. Mittwochs laufe ich vor der Arbeit knapp 12 Kilometer und nach der Arbeit nochmal 18, um die Belastung aufzuteilen. Im Nachhinein keine gute Idee, bei Loslaufen zur Abendsession spüre ich noch den Morgen in den Beinen. Merke: Es ist leichter 30 km am Stück zu laufen, als auf zwei Einheiten am Tag zu verteilen.

Ausgelatschte Schuhe, passend zu einem ausgelatschten Körper

Und wieder ist es frühmorgens, mit staksigen Beinen wackle ich in die Küche, mache Kaffee, trinke meine Flasche Zitronenwasser (800 ml Wasser, ein Schuss Zitronensaft, eine Brise Himalayasalz – hilft den Wasserspeicher nach der Nacht aufzufüllen und den Körper zu entsäuern). In den Kaffee gibt es einen Teelöffel Kokosöl. Warum? Weil es schmeckt, außerdem nutze ich jede Zusatzgelegenheit, Energie aufzufüllen. Entsprechend groß fallen Frühstück, Mittag-, Abendessen und die Snacks dazwischen aus.

Ich laufe nicht mit Brustgurt und selbst die Angaben mit Brustgurt sind mit Vorsicht zu genießen, aber meine Uhr zeigt mir an, dass ich ca. 4.000 Kalorien pro Tag verbrauche. Wahrscheinlich sind es wesentlich mehr. Pro Tag zeigt mir der kleine Trainingscomputer zudem einen Schnitt von ca. 35.000 Schritten an. Entsprechen hoch ist mein Energiebedarf. Außer Laufen, Schlafen, Essen, Ausruhen und leichtem Stretching zur aktiven Regeneration mache ich nicht viel. Jeder Tag wird um die Laufeinheit geplant. Wann ich esse, was ich esse, wohin ich laufe, was ich zum Laufen mitnehme, wann ich ein Mittagsschläfchen mache, wann ich schlafen gehe, wie lange ich schlafe, welche Schuhe trage ich zu welchem Lauf. All diese Überlegungen sind Routine und ich nutze diese Routine, um nicht zu viel darüber nachzudenken, was ich gerade mache. Jeden Morgen aufstehen und zu wissen, dass man wieder einen Halbmarathon vor sich hat, zehrt an dir. Deshalb denke ich an alles, um den Lauf herum, wenn dann die Zeit fürs Training kommt, schlüpfe ich in meine Schuhe und spule die Kilometer ab. Manchmal hilft das. Nicht zu sehr über etwas nachzudenken, sondern es einfach tun.

Wenn der Körper kapituliert

Mit jedem Tag, der verstreicht, summiert sich die Last in meinen Beinen. Sie sind müde, sie sind wund. Ich fühle mich platt. Dann laufe ich los und – oh Wunder – meine Füße tragen mich, Schritt für Schritt, und je länger ich laufe, desto schneller werde ich. Wo kommt die Kraft her? Gegen Ende der Woche werden meine Trainingsläufe schneller, die Zeiten verbessern sich. Es ist, als ob der Körper kapituliert hätte, aber nicht im Sinne von ich kann nicht mehr, sondern im Sinne von das ist wirklich dein Ernst, oder? Du hörst nicht auf damit, du treibst uns immer weiter. Wenn das also das neue Normal ist, dann muss ich mich wohl fügen. Der Körper gibt es auf, dir Schmerz- oder Warnsignale zu senden, denn er weiß, dass der Idiot, zu dem er gehört, sie ohnehin ignorieren wird. Natürlich lässt sich so ein Regime nicht dauerhaft aufrechterhalten, denn damit zerkrümelst du dich. Aber es ist wichtig für mich zu wissen, dass mein Körper so reagiert. Am ersten Septemberwochenende wird der Zeitpunkt kommen, an dem ich meinen Kopf ausblenden muss und tun muss, was getan werden muss, es wird auch der Zeitpunkt kommen, an dem der Körper kapituliert, um zu ertragen, was ich ihm zumute.

Wenn der Körper den Widerstand aufgibt, zwingt er dich nicht mehr zur Kapitulation

Am Samstag war ich kurz verleitet, die 161 Kilometer schon einen Tag früher vollzumachen. Ich hab’s gelassen. Hier war ein Aufflackern dieses schädlichen Egos, das bewundert werden will. Statt an dem Tag 40 Kilometer zu laufen, habe ich es bei 32 belassen und bin stattdessen am Sonntag 18 km gelaufen. Schließlich habe ich die Woche mit 170 Kilometern beendet. Auch hier wieder so ein Ego-Ding. Einfach nur 161 zu laufen, würde sich anfühlen, als hätte ich es gerade so über die Ziellinie geschleppt. Um mir zu beweisen, dass ich die Herausforderung locker gewuppt habe, musste ich sie übererfüllen, musste mir selbst zeigen, dass ich besser bin als ich.

Warnung: Du siehst, wenn du dich aufs Ultralaufen einlässt, wirst du viel Zeit mir dir und deinen Gedanken verbringen. Überleg dir, ob du bereit dazu bist.

Neue Herausforderungen

Übrigens ist die nächste Herausforderung schon in Planung. Es geht um die Everest-Woche. Wieder so ein kleiner Meilenstein auf dem Weg zum Ultraläufer. Am Namen kann man es vielleicht schon erahnen, anstatt um Distanz geht es um Höhenmeter, genaugenommen um 8.848 Höhenmeter, denn so hoch ist der Mount Everest. Die Herausforderung: In einer Woche genau diese Anzahl an Höhenmeter laufen.

8.848 Höhenmeter in sieben Tagen: Die Everest-Woche

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