NibelungenULTRA Trainingstagebuch – Episode 4

Wie? Kein Corona Trainingstagebuch mehr? Nö, fürs Erste nicht. Das Thema ist omnipräsent und wir bekommen es von allen Seiten zu hören, deshalb will ich es für den Moment ausklammern. Klar ist, dass das Virus nach wie vor unser Leben auf die eine oder andere Weise bestimmt und es wichtig ist, dass wir uns alle an die vorgegebenen Maßnahmen halten, um die Situation so schnell wie möglich unter Kontrolle zu bekommen. Einfach mal den Egoismus hinten anstellen und diszipliniert Einschränkungen hinnehmen ist der schnellste Weg zurück in die Normalität.

Die aktuelle Situation hat viele hart getroffen, ich bin bisher glimpflich davongekommen und dafür bin ich dankbar. Deshalb denke ich nicht daran, was ich alles nicht mehr darf und freue mich über alles, was geblieben ist – und das ist eine Menge.

Urlaub zuhause

Ich sitze immer noch im Odenwald. 1 ½ Wochen sollte mein Trainingscamp im Nibelungenland dauern – wenn ich nach dem 1. Mai Wochenende nach Bayern zurückfahre, werden daraus 8 Wochen geworden sein. Ich habe es vorher gesagt und ich wiederhole es gerne noch einmal: Es gibt Schlimmeres.

Heimat, betrachtet aus den Augen eines Touristen: Einfach schön!

Anfang des Jahres hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich die Chance habe so viel Trainingszeit auf und um die Trails des Nibelungensteigs herum zu bekommen. Klar, die Höhenmeter und Strecken hätte ich mir auch in den Bergen holen können, aber glaube es oder nicht, es ist ein Unterschied, ob du tausend Höhenmeter am Stück hoch und danach wieder herunterläufst oder ob du sie im ständigen Auf und Ab bewältigst. Außerdem gibt es so einen Typ weniger, der die schmalen Bergpfade verstopft.

Anders, als geplant

Die letzten Wochen sind wie im Flug vergangen: mit Arbeiten, Schreiben und Laufen (nicht zwingend in der Reihenfolge). Neben den Routineläufen bin ich unter der Woche einmal die Halbmarathondistanz gelaufen und habe versucht sonntags einen Lauf mit 30 oder mehr Kilometern abzuspulen. Anfang Mai hätte ich beim Innsbruck Alpine Trailrunning Festival (IATF) mit einem 65 km Ultralauf meine Frühform testen wollen. Obwohl ich kein großer Rennfan bin, mag ich die Veranstaltung in Innsbruck ganz gerne. Hier bin ich vor zwei Jahren (auf der Marathondistanz) gestartet und habe das Rennen in guter Erinnerung behalten: Eine wunderschöne Stadt, super Organisation, traumhafte Kulissen und ein sehr angenehmes Publikum. Da das Event nun auf September verschoben wurde, musste ich mir was Eigenes einfallen lassen. Deshalb bin ich am 18. April zu einem kleinen Testlauf aufgebrochen.

Selbstorganisieren macht einfach mehr Spaß

Ohne einen organisierten Wettkampf mit abgesteckter Strecke und Verpflegungsstationen hieß es, für alles selbst zu sorgen. Bei der Strecke hatte ich eine ungefähre Richtung im Kopf. Heute ist es so leicht wie nie zuvor, eine Strecke zu basteln. Du brauchst nur den Routenplaner in der Strava- oder Suunto-App zu öffnen und kannst dir eine Runde zusammenstellen. Dabei bekommst du nicht nur die genaue Länge, sondern auch die Höhenmeter ausgespielt und kannst das Ganze auf deine GPS-Uhr laden, um dich durch die Welt leiten zu lassen. Aber irgendwie fühlte sich das falsch an, schließlich rühme ich mich, diese Ecke in und auswendig zu kennen.

Viel vor mir – denn das ist nur die erste Etappe

Ohne mich auf die Technik zu verlassen, würde ich von Lindenfels auf dem Nibelungensteig nach Zwingenberg laufen, von dort würde ich auf den Alemannenweg wechseln, der mich entlang der Bergstraße zur Burg Frankenstein (ja, genau die Burg Frankenstein) bringt. Richtung Fischbachtal ergeben sich dann diverse Möglichkeiten, um nach Lindenfels zurückzukehren. Alles in allem hätte die Strecke eine Länge von ca. 80 Kilometern. Der Plan sah vor, Samstag nach dem Mittagessen zu starten, so lange wie möglich (im Idealfall 60 km) zu laufen, mich dann irgendwo mit Schlafsack und Isomatte in die Wiese zu packen, um dann am Folgetag in der Früh den Rest zu laufen.

Frühform-Testlauf

Nach einem üppigen Mittagessen (einem veganen Kichererbsen-Curry falls es wen interessiert) und einem leichten Warm-Up fiel dann an dem Samstag wie geplant die Tür hinter mir ins Schloss. Ich liebe es, von der eigenen Haustür aus wegzulaufen, um die Welt direkt außerhalb der eigenen Vier-Wände zu erkunden. Mich reizt der Gedanke einfach nur den Rucksack aufzuschnallen, vor die Tür zu treten und zu sehen, wie weit mich meine Füße tragen (auf diese Weise hat es mich bereits einmal entlang des E1 bis an die Ufer des Bodensees gespült, siehe Heimwärts).

Nibelungensteig und Europäischer Fernwanderweg E1 – zwei alte Bekannte

In meinem Rucksack heute:

  • 3 Liter Wasser verteilt auf diverse Softflasks plus eine 1 Liter Filterflasche falls ich mir Wasser aus Bächen etc. hohle,
  • insgesamt 5.000 kcal in Snacks (vornehmlich Nüsse, Trockenobst, Schokolade mit 85% Kakaoanteil, gesalzene Erdnüsse, Müsliriegel und Energyballs),
  • mein Schlafsack (fluffig, leicht und sehr nässeresistent),
  • ein Trap (als Notunterkunft),
  • meine neue Matte (die Therm-a-Rest NeoAir Uberlite – meinen Test dazu könnt ihr bald im Bergzeit Magazin nachlesen),
  • ein Wechselshirt, ein Paar Wechselsocken, eine Regenjacke (man weiß ja nie),
  • mein Handy,
  • (die Stöcke habe ich mir geschenkt – spart Gewicht, außerdem nerven mich die Dinger meistens).

Alles für sich nicht sonderlich schwer, aber wenn du läufst, merkst du jedes Gramm.

Auch wenn du kein Läufer bist und einfach nur eine Wanderung mit ein paar Übernachtungen machen möchtest, kann ich dir diese Route nur ans Herz legen. In Lindenfels startest du im Schatten der Burgruine, läufst durch die historische Altstadt und folgst dem Nibelungensteig hinab bis ins Schlierbachtal. Von hier aus erklimmst du über einen Anstieg mit gut 300 Höhenmetern den Krehberg, um von dort aus durch Wälder und über Felder ins Lautertal mit seinem imposanten Felsenmeer zu gelangen.

Schön ist’s im Odenwald

Es ist Wochenende und herrliches Wetter, normalerweise würde man an so einem Tag Schlangenlinien um die Besuchermassen laufen müssen, heute bin ich nahezu alleine. Das liegt auch daran, dass das Felsenmeer von der Reichenbächer Seite aus gesperrt ist. Dennoch klettern ein paar versprengte Paare über die Felsen. „Seid ihr einfach über das Absperrband geklettert?“, frage ich. „Nee, wir sind von oben gekommen und da war gar nichts abgesperrt.“ Gut, dann habe ich auch kein schlechtes Gewissen, über das rot-weiße Band zu steigen, um den Felsberg zu erklimmen. Bei allem, was da so im Felsenmeer herumliegt, am meisten imponiert mir immer die Riesensäule. Diese Granitsäule (9,33 Meter lang, 27,5 Tonnen schwer) liegt hier seit dem Anfang des 4. Jahrhunderts und ist die kleine Schwester von vier Säulen (12 Meter lang, 65 Tonnen schwer), die im Dom zu Trier verbaut sind. Wie die Römer diese Giganten über 200 Kilometer haben transportieren können, ist für mich absolut beeindruckend – und schon kommt mir mein eigener Rucksack nicht mehr so schwer vor.

Die Riesensäule im Felsenmeer ein Koloss in Granit, der 200 Kilometer entfernt verbaut werden sollte. Puh, das will ich nicht schleppen müssen.

Am Melibokus (höchster Berg der südhessischen Bergstraße) überhole ich fünf Mountainbiker, bin kurz von der Aussicht auf das komplett flache Ried gelangweilt und drehe meine Schleifen hinunter nach Zwingenberg. An einem kleinen Trinkwasserbrunnen startet offiziell der Nibelungensteig – außer dem Brunnen und einem Schild ist der Platz recht unscheinbar (nicht aber Zwingenberg selbst, das lohnt schon mal eine Stippvisite), dennoch ist das der Platz, an dem sich im September für mich ein kleiner Traum erfüllen soll, wenn ich hier den NibelungenULTRA beende.

Wirkt so unbedeutend und ist doch Ziel meiner Träume: Start/Ende des Nibelungensteigs in Zwingenberg

Bis nach Zwingenberg habe ich ca. 28 Kilometer und 1.000 Höhenmeter in den Beinen, das Äquivalent eines langen Sonntagslaufs. Als ich von dem Trinkwasserbrunnen die Flanke des Melibokus wieder aufsteige, spüre ich meine Beine. Es ist, als ob der Körper sagt: „Alles klar Junge, das ist unser normales Tagewerk, aber jetzt sind wir durch, oder?“ Die nächsten fünf bis acht Kilometer sind hart. Hart für den Körper, noch härter für den Kopf. Richtung vierzig Kilometermarke haben beide kapiert: „Okay, wir haben noch keinen Feierabend, der Idiot will weitermachen.“ Und so folgen wir dem Alemannenweg, kommen am Alsbacher Schloss vorbei, stolpern über die Burg Tannenberg, kämpfen uns hoch zur Klosterruine Heiligenberg, schlüpfen in die verwunschenen Wälder, die uns hinauf zur Burg Frankenstein geleiten. Alleine dieser Wegabschnitt, den sich der Alemannenweg mit dem Burgensteig teilt, bietet eine solche Fülle an Sehenswürdigkeiten und ruhigen Wanderwegen, dass einem schnell klar wird: Urlaub zuhause ist etwas Tolles.

Auf und ab – und in den Schlafsack

Von einem frischen Wind getrieben, schlängle ich mich von Nieder-Beerbach Richtung Fischbachtal. Der Tag neigt sich dem Ende zu, überall trauen sich die Rehe aus ihren Verstecken um am Waldesrand zu äsen. Als die Sonne komplett versunken ist, laufe ich immer noch, nun sind Fledermäuse meine ständigen Begleiter. Obwohl ich weiß, wie gut der Orientierungssinn dieser geschickten Flieger ist, ducke ich mich doch immer wieder reflexhaft weg. Bei der 50-Kilometermarkierung kommt der nächste kleine Durchhänger, der aber schnell verfliegt, denn die 60 und damit das Ziel für den heutigen Tag kommen immer näher. Kurz vor Brandau springt die Uhr auf die magische Zahl, nach weiteren 1,5 Kilometern finde ich eine geeignete Wiese.

Nachtlager vor Brandau (in der Früh)

Ich bin dankbar über den Pumpsack meiner Isomatte (und noch dankbarer dafür, wie gut er funktioniert), denn jetzt noch die Matte aufpusten, wäre dann doch zu viel des Guten. In frischen Klamotten und nach einem kalorienreichen Abendessen schlafe ich sofort ein. Der Himmel ist sternenklar, mein Tarp kann ich mir sparen und so genieße ich es einfach nur so draußen zu liegen.

Gute Nacht – nach 61,3 Kilometern und 2.100 Höhenmetern schlafe ich wie ein betrunkenes Baby

Halbwegs erholt (was nicht an meinem Nachtlager, sondern an den Anstrengungen des Vortags liegt), rapple ich mich gleich in der Früh auf und nehme die letzten 16,5 Kilometer nach Lindenfels in Angriff. Natürlich folge ich der Route über die Neunkircher Höhe, denn den höchsten Berg des hessischen Odenwalds auf der Tour auszulassen, wäre ein Sakrileg.

Fazit: Passt!

Tag 1 des Formchecks. Fazit: Es lief ganz okay

Diese Tour war in vielerlei Hinsicht ein gelungener Test für die Frühform: Trotz Rucksack (den ich in dieser Form beim NibelungenULTRA nicht brauchen werde) und einer selbstorganisierten Runde haben meine Beine gut funktioniert. Die mentalen Durchhänger waren da und es war gut zu sehen, dass sie auch wieder gingen, wenn man sie ignoriert. Es gab kein Zwicken in den Knien und auch meine Füße, Schienbeine, Hüfte und Rücken haben tadellos durchgehalten ohne zu meckern. Außerdem durfte ich dabei einen herrlichen Teil des Odenwaldes besuchen, der kulturelle, historische und landschaftliche Höhepunkte aneinanderreiht – auf dass ich jedem einfach nur sagen möchte: Macht hier Urlaub (wenn ihr wieder dürft). Es lohnt sich!

Tag 2 des Formchecks. Back home.

Und sonst so?

Am Mittwoch (22.04.) ist ein Artikel von Philipp Semon über mich bzw. mein Vorhaben im Bergsträßer Echo erschienen. Danke dafür und dass ihr mir die Plattform gebt, um meine Spendenaktion bekannt zu machen.

Laufen aus Liebe zur Natur im Bergsträßer Echo

Ich mal wieder in der Zeitung. Diesmal: der Bergsträßer Echo

Außerdem darf ich für das Bergzeit Magazin den schon angesprochenen Test für die Uberlite schreiben und wenn ich schon dabei bin, wird im Magazin dann auch noch im Rahmen unserer #bergzeitdaheim Kampagne ein Artikel zum Thema Urlaub zuhause von mir zu lesen sein. Dabei geht es dann aber weniger ums Laufen als vielmehr darum, was man alles Tolles machen und entdecken kann, wenn man von der eigenen Haustür aus zu einer Wanderung aufbricht.

Every Street in Town

Unter diesem Motto stand dann übrigens der letzte Sonntag. Wenn man eine gewisse Menge an Kilometern pro Woche abstrampelt, kommt es einem bald so vor, als ob man jeden Weg mindestens schon einmal gelaufen ist. Aber ist man wirklich? Vor allem interessierte mich, ob ich jede Straße und jeden Weg meiner Geburtsstadt Lindenfels schon einmal abgelaufen war. Die beste Möglichkeit das herauszufinden? In dem man innerhalb eines Tages jede Straße sorgsam abarbeitet. Dank moderner Technik (Routenplaner-Apps) ist das zum Glück gut planbar und so kamen am Sonntag dann 27 Kilometer und ca. 840 Höhenmeter (ja, ja, das passiert, wenn der Ort am Hang liegt) zusammen. War das die effizienteste Route und heißt das, dass Lindenfels 27 Straßenkilometer hat? Nein zu Beidem. Sicherlich hätte man die Tour geschickter planen können, denn ich bin mehr als eine Straße mehrmals gelaufen (was aber auch an den verwinkelten Gassen und den vielen Sackgassen liegt). Das beantwortet aber auch gleich Teil zwei der Frage.

Jeder sollte mal sämtliche Straßen und Gassen der Geburtsstadt gelaufen sein, oder?

Ausblick

Heute geht es klassisch wandern, worauf ich mich schon sehr freue. Mal ganz entspannt die Füße auswackeln, ohne auf Zeiten zu achten oder einem Leistungsanspruch gerecht zu werden. Danach bleibt mir noch der Rest der Woche, bevor es dann tatsächlich wieder zurück nach Bayern zu meinem geliebten See und den Bergen geht.

Weiterführende Links

Falls du auch mal im Odenwald laufen oder wandern willst, dann kann ich dir von Herzen diese drei Fernwanderwege empfehlen. Ich bin sie alle in einer ruhigen Minute selbst gewandert und hatte dabei sehr viel Freude:

Nibelungensteig
Alemannenweg
Burgensteig

Wenn du mal eine lange Tour vorhast und nicht ins Ausland darfst, dann kannst du auf dem E1 Deutschland in seiner ganzen Länge durchwandern:

Europäischer Fernwanderweg E1

Ich bin den südlichen Teil davon gewandert und habe das in meiner kleinen Reiseerzählung Heimwärts (inklusive meiner Wanderung über den Burgensteig und den Nibelungensteig) verewigt.

Heimwärts

Auf der Suche nach noch mehr Lesestoff und Anregungen? Dann schau im Bergzeit Magazin vorbei:

Bergzeit Magazin

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