Diet Wars – Episode II: Das Imperium schlägt zurück

Im ersten Teil der Diet Wars Serie habe ich euch hoffentlich zeigen können, dass Ernährungsfragen selten einfach und pauschal beantwortet werden können. Dabei wird vieles verkompliziert, aber auch vieles vereinfacht. Die aktuelle Ernährungsdiskussion ist voll von diesen Paradoxen – eigentlich soll sie uns doch helfen, besser zu essen, doch lässt sie uns meist konfuser zurück. Aus Frustration hüpfen wir entweder von einer Strategie zur nächsten oder verharren in Stillstand, wie das Reh im Scheinwerferlicht bevor es kracht.

Große Schuld daran trägt das Imperium – die Lebensmittelindustrie – mit ihren Handlangern. Dabei meinten es viele dieser Handlanger anfangs gut, sie machten sich auf, um die Öffentlichkeit zu informieren. Doch irgendwann und irgendwo verloren sie ihren Pfad, sie wurden von der dunklen Seite der Macht vereinnahmt, ohne es eigentlich zu merken.

Ja, das klingt furchtbar plakativ und genauso werden die Diet Wars geführt – mit viel Propaganda und großen Schlagzeilen, die nur auf deine Aufmerksamkeit abzielen.

Die Eliten – warum Gurus nur an sich selbst interessiert sind

Anfangs mögen sie mit guten Intentionen gestartet sein, doch je mehr sie in den Fokus rücken, desto mehr wird ihre Expertise zum Selbstzweck. Die Rede ist von all den selbsternannten Experten, von den Gurus, aber auch von Eliten und Wissenschaftlern. Sie sind es die die Diet Wars über die Medien austragen und um die Vormachtstellung streiten. Welche Ernährungsform ist die beste, die einzig wahre für deine Gesundheit (und vielleicht noch wichtiger: für ein gutes Aussehen).

Nein, Gesundheitsgurus sind keine buddhistischen Mönche – dafür sind sie viel zu laut

Seit ich ein pummeliger Teenager war, interessiere ich mich für das Ernährungsthema und ich bin auf so viele Gurus hereingefallen, dass es mir fast peinlich ist. Letztlich war es gut, denn durch tiefes Bohren in der Materie, kann ich mir heute eine gute Meinung über aktuelle Trends bilden. Da ich mich viel mit dem Thema beschäftige, muss ich allerdings nur das Internet öffnen und es präsentiert mir eine Klick-Bait Schlagzeile nach der anderen.

  • Ist vegane Ernährung gefährlich?
  • Fett essen, um abzunehmen
  • Anaboler Fitnesseinkauf (ketogen)
  • Die Wunderdiät soundso
  • Anabole Diät: Für immer schlank
  • Macht vegan krank?
  • Warum Kohlenhydrate dick machen
  • Aufgedeckt: Die Protein Lüge

Und das ist nur ein ganz kurzer Ausriss. YouTube, Blogs und selbst „seriöse“ Medien sind voll mit Beiträgen, in denen eine einzelne Ernährungsform als die einzig sinnvolle gefeiert und alle anderen gleichzeitig diskreditiert werden. Auch ich kann mich da nicht rausnehmen, denn auch ich habe eine Ernährungsform, die mir gut tut und bei der ich der Meinung bin, dass sie vielen Menschen (und der Umwelt) helfen würde. Mir geht es auch gar nicht darum, dass darüber diskutiert wird, wie wir uns ernähren sollten. Was mich stört ist die Art und der Ton.

Der Ton macht die Musik – und der Ton der Diet Wars ist dissonant

Wir sind längst vom Kurs einer sinnvollen Diskussion abgekommen und in einem Status angelangt, in dem es nur darum geht, sich mit der eigenen Meinung zu profilieren. Krach erzeugt Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit schafft Reichweite, Reichweite bringt Geld.

Ob Forscher, Wissenschaftler, Redakteure, Blogger oder YouTuber alle kämpfen darum, wahrgenommen zu werden. Klar, wenn du versuchst im Feld der Gesundheits- und Ernährungsberatung deine Brötchen zu verdienen, dann funktioniert das nur mit vielen Anhängern und viele Anhänger findest du, wenn dein Ansatz spektakulär klingt und sich deutlich von anderen abgrenzt. Das schafft ein Wir-gegen-die-Gefühl. Je mehr Hardliner sich hinter dir versammeln, desto ernster wirst du genommen. Masse schafft Glaubwürdigkeit.

Lautstärke schafft Aufmerksamkeit und ist schwer zu ignorieren

Außerdem lieben die Medien die große Schlagzeile, wer sie liefert, wird eingeladen, wer dann laute Töne abliefert, der erzeugt eine Kontroverse, die letztlich beiden nutzt. Selbst seriöse Wissenschaftler verlegen sich auf populistische Töne, um gehört zu werden – Studien finanzieren sich nicht von alleine und auch unter ihnen gibt es welche mit Geltungsdrang. Aber wenn es dir darum geht, dass deine postulierte Ernährungsform die einzig wahre ist, wie sehr ist dir daran gelegen, dem Normalsterblichen klar zu machen, wie eine gute Basisernährung aussieht? Wie sehr ist dir daran gelegen, mit Kollegen zusammenzuarbeiten, die einen anderen Ansatz verfolgen?

Leider wird der Ton nicht nur laut, sondern häufig auch dissonant. Anstatt sich auf vernünftige Art darüber zu unterhalten, warum man diese oder jene Meinung vertritt und wo ein Konsens herrscht, will man den Gegenüber und seinen Ansatz entlarven. Dabei wird mehr schmutzige Wäsche gewaschen als bei einem US-Wahlkampf.

Experten zerfleischen sich selbst

Das Problem sind nicht die unterschiedlichen Meinungen, die darf (die muss) es geben, damit wir einen konstruktiven Dialog führen können. Viele dieser Experten haben auch wirklich Ahnung von dem, über was sie reden. Das Problem ist der Ton, das Problem ist aber auch, dass es heute so leicht ist, wie nie zuvor, sich online als „Experte“ zu verkaufen.

Statt sich im konstruktiven Dialog zu verständigen, gibt es Affenzirkus

Das Netz ist voller profilierungssüchtiger Klugscheißer, die wilde Theorien aufstellen, fragwürdige Studien zitieren, Aussagen aus dem Zusammenhang heraus für sich zweckentfremden und zur Not sogar lügen. Solche Typen sind echte Probleme, denn der Laie kann schwer zwischen ihrem Geschwätz und echter Information unterscheiden. Aber der Laie liebt einfach Lösungen, Lösungen, die seinen Alltag nicht wesentlich verändern, ihn nicht weit aus seiner Komfortzone herausholen. Er will an die eine Pille oder die eine Diät glauben, die in kurzer Zeit sein Problem beheben. Clevere Geschäftemacher nutzen diese Hoffnung und bieten eben genau diese Pille, diese Diät verdienen ihre Euros daran, ohne zu helfen. Und was macht der Laie wenn das System nicht funktioniert? Er schaut sich nach einem neuen um und bekommt das vom gleichen cleveren Geschäftemacher geliefert. Lieber probiert man alles Verfügbare auf dem Markt aus, bevor man ernsthafte Einschnitte im eigenen Verhalten vornimmt.

Die Industrie nutzt das gerne aus. Auch renommierte Unternehmen sind längst auf den Gesundheitszug aufgesprungen, sie verkaufen unter dem Gesundheitslabel hoch verarbeitete Industrieprodukte mit tonnenweisen Zusatzstoffen, drucken vegan oder glutenfrei oder ein seltsames Bio-Siegel oder zucker- bzw. fettfrei auf Etikett und geben dem Verbraucher mit vagen Versprechen das Gefühl, super gesund zu sein.

Dem Problem könnte gegengesteuert werden, wenn die echten Experten, sich die Mühe machen würden diese Pseudo-Experten und Geschäftemacher zu entlarven. Stattdessen zerfleischen sie sich gegenseitig.

Die Profiteure

Wenn du dich heute informieren willst, wie du dich gesund ernährst, hast du es nicht leicht. Du wirst überhäuft von Informationen, bombardiert von Meinungen und zu jeder Theorie gibt es eine Gegentheorie. Alles klingt plausibel, obwohl sich alles widerspricht. Wie will der Laie daraus ableiten, was er Essen sollte und was nicht?

  • Veganer/Pflanzenesser bekommen nicht genug Proteine und leiden an Mangelernährung. Fleischesser sind Mörder und sterben an Krebs.
  • Wenn du zu viel Fett ist, wirst du fett und verstopfst deine Arterien. Wenn du zu viele Kohlenhydrate isst, wirst du fett und verstopfst deine Arterien und bekommst Diabetes.
  • Am besten isst du drei Mahlzeiten am Tag. Am besten isst du alle drei Stunden. Am besten fastest du.
  • Du musst unbedingt frühstücken. Frühstück ist nicht gut, du solltest es ausfallen lassen.

Diese sich widersprechenden Ideologien resultieren einerseits aus dem schon genannten Profilierungsdrang der Gesundheitsexperten. De facto müssen wir aber auch in Betracht ziehen, dass es Kräfte gibt, denen an einer gezielten Desinformation liegt. Das klingt dir zu sehr nach Verschwörungstheorie? Das kann ich gut verstehen, aber wir haben historisch schon mehrere Fälle erlebt, in denen die Industrie bewusst Experten angeheuert hat, die gegensächliche Meinungen medienwirksam inszenierten, um eine Verwirrung beim Konsumenten (also bei dir) zu erzeugen. Die populärsten belegten Beispiele sind die Kampagnen der Tabakindustrie und der Zuckerindustrie (die tatsächlich genau die Strategie der Tabaklobby kopiert hat, um durch kontroverse Meinungen Verwirrung zu stiften). Heute ist es eine traurige Wahrheit, dass sogenannte Nahrungsmittel nicht dafür gemacht sind, uns zu ernähren. Sie sollen uns nicht satt machen, sie sollen den Konsum steigern. „Nahrungsmittel“ werden im Labor so konstruiert, dass sie in uns den Wunsch nach mehr, mehr, mehr auslösen. Das Ergebnis: Übergewicht, Stoffwechselstörungen, Herzprobleme und ein kaputtes Immunsystem.

Wir sehen also, dass neben den vielleicht recht harmlosen Gurus vor allem die Lebensmittelindustrie mit ihren stark verarbeiteten Lebensmitteln von den Diet Wars profitieren. Wenn sich niemand darüber einig ist, wie eine gute Basisernährung auszusehen hat, dann verharren viele in ihren gewohnten Mustern – sie essen den gleichen Mist wie immer. Daneben gibt es mehr und mehr Menschen, die sich gesund ernähren wollen, aber in den Wirren der Ernährungskriege keine klare Linie finden, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Diese Gruppe ist anfällig dafür, Opfer der vielen Trends und Gesundheitsprodukte zu werden, und diese Trends und Produkte werden für teuer Geld verkauft, bringen aber selten den gewünschten Erfolg, steigern dagegen die Unsicherheit und dienen damit dem System: Gesunde Ernährung als Ware.

Die Leidtragenden

Das sind die Menschen, die sich einfach nur etwas gesünder ernähren wollen. Seien wir doch mal ehrlich, wir sind keine Gesellschaft von Leistungssportlern, die peinlichst genau auf alles achten müssen, was sie sich in den Mund stecken, um für die bestmögliche Energieversorgung zu sorgen. Ja, wir wollen uns besser ernähren, aber wir wollen auch genießen und es soll einfach in den Alltag integrierbar sein. Wir sind keine Biochemiker oder Ernährungswissenschaftler, die sich liebend gerne durch Studien und Fachliteratur arbeiten, um dem Gegröle der Diet Wars mit fundiertem Wissen zu begegnen.

Trotz allem Wissen, wissen wir nicht, was wir noch essen können oder sollten

Eigentlich willst du doch nur wissen, wie du dauerhaft ein paar Kilos abnimmst, wie du dich ernähren sollst, um dich besser zu fühlen und wie du gesünder bleibst, ohne gleich ein Studium dafür abschließen zu müssen. Natürlich sollte das aber alles so schnell wie möglich gehen und am besten keine Arbeit machen – aber genau diese Einstellung führt dazu, dass du über kurz oder lang auf einen Guru hereinfällst. Denn dieses Schnell- und Einfach-Denken nutzen sie, aber auch die Lebensmittelindustrie (das Imperium) geschickt aus. Die dunkle Seite der Macht ist der schnelle und einfache Weg.

Doch willst ein Ernährungs-Jedi zu sein, lernen du musst, Versuchungen zu widerstehen. Nein ich will mich hier nicht als Diät-Yoda darstellen, ich will euch nur von vornerein die Illusion nehmen, dass es ein System, eine Wunderpille, eine Super-Diät gibt, die Schnipp macht und alle deine Wünsche erfüllt. Es ist möglich, deine Ziele dauerhaft zu erreichen – doch je ambitionierter deine Ziele sind, desto weiter wirst du dich aus deiner Komfortzone bewegen müssen. Das klingt unangenehm, muss es aber gar nicht sein. Neue Gewohnheiten brauchen ca. 21 Tage, damit du sie als neues Normal in deinem Alltag akzeptierst. Das Gute daran: Du wirst dich also nicht dauerhaft unkomfortabel fühlen, sondern nur solange, bis die neue Norm deine Komfortzone erweitert hat.

Allerdings musst du in dieser Zeit, den Versuchungen der dunklen Seite (sorry für mein nerdiges Star-Wars-Sprech) wiederstehen. Deshalb hier ein paar Tipps (siehe Liste), woran du die Schergen des Imperiums erkennst: Wenn du diese Anzeichen siehst: Sei vorsichtig!

Wenn es zu schön klingt, um wahr zu sein, dann ist es zu schön, um wahr zu sein.

Keine Diät funktioniert, was funktioniert ist eine dauerhaft gute Basisernährung.

Industriell gefertigte Produkte und Produkte aus dem Labor sind keine Lebensmittel.

Verpackungen werden designt, um Gesund und Öko zu suggerieren, der Inhalt ist es in der Regel aber nicht.

Wenn dir jemand erzählt, dass sein System zu 100% funktioniert, lügt er.

Wenn jemand viel Energie darauf verwendet, andere Ernährungsweisen schlecht zu machen, dann verschwendet er deine Zeit.

Wer sich aufmacht, andere zu entlarven, den interessiert Aufmerksamkeit mehr als deine Gesundheit.

Zitierte Studien, sind kein Beleg für wissenschaftlich korrekte Strategien. Studien könne im falschen Zusammenhang oder sehr selektiv zitiert werden. Studien können aber auch von Interessensgruppen finanziert werden, um Desinformation gezielt einzusetzen oder wirtschaftliche Interessen zu fördern.

Wenn Wissenschaftler mit lauten Statements eine bahnbrechende neue Erkenntnis präsentieren, sei skeptisch.

Stattdessen solltest du auf die Leise-Sprecher hören, auf Empfehlungen achten, die jedem Modetrend getrotzt haben und zeitlos aktuell geblieben sind. Achte auf die Punkte, in denen sich die Gurus, aber auch die seriösen Experten einig sind, und tatsächlich haben viele Ernährungssysteme mehr gemeinsam, als dass sie unterscheidet. Im dritten Teil der Serie möchte ich euch helfen, diese Gemeinsamkeiten zusammenzufassen. Tatsächlich wirst du dabei vielleicht sogar erkennen, dass du schon viel weißt, aber durch die ständig neuen Trends von dem Wesentlichen abgelenkt wurdest.

Im dritten Teil der Diet Wars Serie möchte ich euch außerdem einen Einblick geben, wie ich mich ernähre und versuche zu skizzieren, was Bestandteile einer gesunden Basisernährung sind. Dabei versuche ich so konkret wie möglich zu sein, ohne euch dogmatische Vorschriften zu machen oder euch Wunderdinge zu versprechen. Das klingt wenig sexy und das soll es auch nicht, denn wenn es sexy klingt, ist es mit Sicherheit ein Modetrend, der mehr erwarten lässt, als er einhält.

Zu Teil 1 der Serie:
Diet Wars – Epsiode I: Eine neue Hoffnung

Zu Teil 3 der Serie:
Diet Wars – Episode III: Die Rückkehr der Jedi-Ritter
(kommt bald, keine Hektik ;-))

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