Corona Trainingstagebuch

Eintrag 2: 23. bis 27. März

Heute: Gut vorbereitet auf die Krise. Außerdem Pressepräsenz und Rehinvasion im Odenwald

23. und 24. März

Nach einer anstrengenden letzten Trainingswoche gönne ich mir mal zwei volle Ruhetage. Dafür ist der Urlaub beendet und es geht wieder an die Arbeit. Im Moment bedeutet das so viel wie, dass ich morgens um sechs Uhr aus dem Bett falle, in die Küche schlurfe, Kaffee rauslasse und mich vors Laptop lümmle. Ich bin ein alter Homeoffice-Veteran, deshalb ist das nichts Neues für mich und es fällt mir leicht, die nötige Disziplin für einen acht Stunden Tag aufzubringen.

Ohnehin fühlt es sich seltsam an, überall wird von der Isolation und den damit verbundenen Einschränkungen gesprochen. An mir zieht das irgendwie alles vorbei, durch die Krise hat sich bei mir recht wenig verändert. Fast scheint es, als wäre die Art wie ich mein Leben führe, die bestmögliche Vorbereitung auf so eine Krisensituation gewesen.

  • Durch den minimalistischen Lebensstil und den Verzicht auf Zeug habe ich wenig, um das ich mich jetzt kümmern müsste. Außerdem sind meine Bedürfnisse klein und Verzicht fällt mir nicht schwer.
  • Mit dem Laufen betreibe ich einen Sport, der auch heute noch problemlos möglich ist.
  • Zudem hat mich das Laufen, aber auch eine ständige Selbstreflexion geholfen, bestens mit mir alleine klarzukommen. Es macht mir nichts aus, die Tage nur mit mir selbst zu verbringen, denn auch im normalen Leben ziehe ich das vor. Ich habe keine Probleme in meiner kleinen Höhle zu sitzen und in einem Buch zu schmökern, packst du mich in einen Raum mit vielen Menschen und beschallst diesen auch noch mit lauter Musik fühle ich mich darin einsamer.
  • Da ich zwischen Problemen unterscheide, die ich lösen kann und Problemen, die außerhalb meiner Gewalt liegen, gerate ich nicht so schnell in Panik. Lösbare Probleme zu lösen schafft ein Bewusstsein für das, was man kann und baut eine Basis der Resilienz auf. Sie mit Problemen außerhalb des eigenen Einflusses zu beschäftigen, kostet Kraft, zerstört das Selbstvertrauen und macht dich hilflos.
  • Auf das Virus bezogen: Ich kann Covid-19 nicht aus der Welt schnipsen und es bringt nichts, sich falsche Illusionen zu machen. Der Bastard ist da und wird eine Weile bleiben. Dieses Problem kann ich nicht lösen. Aber ich kann alles tun, um die Gefahr für mich und meine Mitmenschen zu reduzieren. Das fängt damit an, dass ich die von der Wissenschaft empfohlenen Maßnahmen respektiere und sie im Alltag peinlichst genau umsetze. Abstandhalten, zuhause bleiben und wenn ich laufen gehe, einsame Pfade suchen und in respektvollem Abstand Schlangenlinien um die Leute laufen, denen ich begegne.
  • Und noch etwas habe ich in meiner Hand: Einen möglichst dichten Abwehrriegel zwischen mich und das Virus stellen. Dieser Abwehrriegel heißt Immunsystem. Alles zu tun, um so gesund wie möglich zu bleiben, war seit jeher ein Tick von mir – mit dem erklärten Ziel in hohem Alter noch ein selbstständiges Leben führen zu können. Jetzt in der Krise greifen all diese Maßnahmen (Ernährung, Sport, seelische Ausgeglichenheit, Stressreduktion, Abhärtung, Pflege des Mikrobioms, genug Schlaf und Ruhe) und bilden ein Bollwerk zur Verteidigung meiner Gesundheit. Denn Covid-19 sucht die Schwächen im System und je weniger Schwächen es findet, desto geringer sind seine Chancen.
Bunt und frisch für ein funktionierendes Immunsystem

25. März

Endlich wieder die Füße wackeln lassen. Nach zwei Tagen Pause drehe ich eine große Runde über die Linsenschüssel Richtung Fürth, dann über Ellenbach, Eulsbach, Schlierbach, Glattbach (alles derselbe Bach, aber eine ganze Menge unterschiedlicher Käffer – hübsche Käffer), dann an der Schönen Aussicht (mit wirklich schöner Aussicht) vorbei, durch den Wald Richtung Kolmbach (noch ein Bach) und von da ab zum Kaiserturm. Der steht auf der Neunkircher Höhe, dem höchsten Berg im hessischen Odenwald. Sie ist 605 m über NHN – von meinem Balkon in Münsing aus müsste ich 60 Meter hinabblicken, um sie zu sehen. Wenn man so nah an den Alpen lebt, fällt es schwer die Hubbel im Odenwald Berge zu nennen. Über Winterkasten und die Bismarckwarte komme ich zurück nach Lindenfels. Auch wenn es keine „richtigen“ Berge im Odenwald gibt, sammle ich doch fleißig Höhenmeter, denn hier geht es ständig auf und ab (ein Grund warum ich hier so gerne laufe).

Auf der Spitze des hessischen Odenwalds – Kaiserturm auf der Neunkircher Höhe

Es ist seltsam, kaum werden wir zum Abstandhalten aufgerufen, treffe ich beim Laufen andauernd bekannte Gesichter. Viele habe ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen und nur zu gerne würde ich mich mit ihnen unterhalten, aber aus ein paar, quer über den Weg zugerufenen Worten geht sich das leider nicht aus.

Kleiner Odenwaldrundflug

Nach dem der Bergsträßer Anzeiger (BA)  über mein Projekt berichtet hat, höre ich hin und wieder von Leuten: „Oh schau mal, das ist der Läufer aus der Zeitung“. Das ist eine Verbesserung. Früher habe ich immer nur gehört: „Oh schau mal, da ist Mark Forster“. (Als ich das das erste Mal gehört hatte, musste ich erstmal googlen, wer das ist.) Der Artikel ist Anfang der Woche erschienen und hat gleich eine kleine Kaskade ausgelöst.

Ja okay, ihr kennt das Bild schon, aber mei, wann ist man schonmal in der Zeitung 😉

Zuerst rief mich Philipp vom Bergsträßer Echo an und machte ein kleines Telefoninterview, nächste Woche soll auch dort ein Beitrag über mein NibelungenULTRA und das Spendenprojekt zum Schutz der Wälder erscheinen. Dann meldete sich Loreen vom Nibelungenland (der Touristikbehörde für die Region) bei mir. Sie kümmert sich um den Nibelungensteig und war so nett meinen Blog auf deren Seite zu verlinken. Was mich noch mehr freut, sie packt den Aufruf zu der Spendensammlung gleich auch noch in eine fixe Sidebar. Wir wollen in Kontakt bleiben, um uns abzustimmen, wie und wo wir noch zusammenarbeiten können.

Wäre der blöde Corona-Virus nicht, würde die Sache jetzt langsam richtig Fahrt aufnehmen. Doch bei der allgemeinen Verunsicherung und der Covid-19-Panik, scheint sich keiner mehr so recht für den Erhalt unserer Umwelt zu interessieren. Die Theorie gefällt mir besser als eine andere Vermutung, die ich nicht ganz abschütteln kann:

Seit ich das Projekt gestartet habe, begegnen mir eine Menge Schulterklopfer. Sie sagen: „Super Sache“; sie sagen: „Gut, dass einer mal was tut“; sie sagen: „Du hat vollkommen Recht“; sie sagen: „Das ist ein wichtiges Thema, das dürfen wir nicht vergessen“; sie sagen viel. Aber hat einer von ihnen bisher einen Beitrag geleistet?

26. und 27. März

Ein absurdes Bild tut sich vor mir auf: Während die Straßen der Ortschaften geisterhaft leer sind, wimmelt es auf den Feldwegen vor Leuten (immerhin alle mit dem nötigen Abstand). Früher bin ich in den Wald und über die Felder gelaufen, um meine Ruhe zu haben. Bald muss ich über die Hauptstraßen der Großstädte rennen, um alleine zu sein.

Da ich aber keinen Asphalt unter den Füßen mag, schlag ich mich auf die versteckten kleinen Trails und jage auch mal ein Stück querfeldein durch den Wald. Vielleicht liegt es daran, vielleicht aber auch daran, dass sich die odenwälder Rehe langsam wieder an mich gewöhnt haben – in den letzten vier Lauftagen sind mir immer mindestens zwei Rehe begegnet. Der Reh-Jahreshöchststand war am Freitag, da sind mir 4 bis 7 dieser flinken Viecher über den Weg gehüpft. Warum 4 bis 7? Weil sie mir im flotten Spurt nur so um die Nase geflogen sind, dabei war kaum auszumachen, ob es immer dieselben oder doch unterschiedliche waren. Aufgrund der Abstände und Lokalität schätze ich deshalb 4 bis 7.

Rehe und ich – wir haben eine ganz besondere Beziehung zueinander

Ach ja, ab dem 06. April geht jetzt auch meine Firma in die Kurzarbeit. Wir arbeiten 20% weniger, was vollkommen human ist und sich mit dem staatlichen Zuschuss beim Nettogehalt kaum wesentlich niederschlägt. Als ich das kurz überschlagen hatte, war meine erste Frage: „Kann ich dauerhaft in Kurzarbeit bleiben?“ Die Frage war natürlich nur im Spaß gestellt, aber wenn ich die Möglichkeit hätte …

Und als kleine Aufmunterung zum Schluss, für alle, die ihn noch nicht kennen, die vielleicht beste Stimme der Welt (obwohl vielfach spekuliert wird, dass er nicht von dieser Welt ist): Dimash Kudaibergen mit dem Song SOS d’un terrien en détresse.

So, und nun gehe ich erstmal ein Ründchen laufen …

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