Das Corona- Trainingstagebuch

Nach meinem Trainingscamp im Odenwald wäre es jetzt eigentlich an der Zeit mal wieder ein Update zum NibelungenULTRA zu geben. Wer meinen Blog verfolgt, dem ist aufgefallen, dass ich mich stärker mit dem Corona-Virus auseinandergesetzt habe und es mir schwer gefallen ist, auf meine klassischen Themen einzugehen (was sich aber demnächst wieder ändern wird).

Um alles einzufangen, wird es ab sofort diese Kolumne, mein Corona-Trainingstagebuch geben. Da dürft ihr dann mitverfogen, wie die Vorbereitung unter verschärften Bedingungen verläuft und wie ich mit Isolation (und allem was da so mitschwingt) umgehe. Zumal ich ab nächstem Sonntag wieder in Bayern und damit in der wohl strengsten Schutzzone Deutschlands bin.

1. Eintrag: 11. bis 22. März

11. März

Am Donnerstagnachmittag verabschiedete ich mich mit den Worten: „Vielleicht bis Ende des Jahre“ von meinen Arbeitskollegen. Das war natürlich im Spaß gemeint, aber auch irgendwie nicht. Auch ich habe den Virus am Anfang nicht ernstgenommen – nicht ein bisschen. Grippe tötet mehr Leute. Das wird sich schnell wieder einrenken. Hatten schon so viele komische Viren in den letzten Jahren, die waren auch nur halb so wild. Du kennst die Sprüche? Hast vielleicht selbst so gedacht? Willkommen im Club, ich verurteile dich nicht, denn so haben wir doch alle die Situation gesehen.

Ausgerechnet ich, der sich eigentlich immer zu allem, was gerade aufflackert die passenden Infos einholt, ging der Virus am Arsch vorbei. Doch die Fallzahlen stiegen, mehr und mehr Länder waren betroffen und dann sah ich beim guten alten Joe Rogan einen Epidemiologen namens Michael Osterholm, der nicht nur den bisherigen Verlauf analysierte, sondern auch eine Prognose zum weiteren Verlauf skizzierte. Da wurde ich hellhörig. Ich begann mich mit diesem Corona-Drecksack zu beschäftigen, weshalb ich nicht mehr so sicher war, ob ich nach meinem Urlaub so bald in die Firma zurückkommen würde.

Aber im Auto sitzend, die 450 km in den Odenwald herunterreißend, dachte ich im Leben nicht daran wie schnell und wie drastisch sich das Leben verändern würde.

Was man halt so braucht, wenn man verreist: Kappen und Laufschuhe

12. bis 15. März

Angekommen in Lindenfels kann ich mich noch nicht gleich in den Urlaub stürzen und mein Trainingscamp für den NibelungenULTRA starten. Erst heißt es die nächsten zwei Tage im Home Office zu arbeiten. Home Office ist in meinem Job nicht unüblich, ich arbeite eigentlich jede Woche zwei Tage von Zuhause aus. In den beiden Tagen spitzte sich die Situation dramatisch zu.

  • Erst wurde uns gesagt, wir sollen schauen, ob wir auch ein paar Tage mehr im Home Office arbeiten könnten.
  • Dann hieß es, es wäre okay, wenn wir fortan zuhause bleiben könnten.
  • Im nächsten Schritt wurde empfohlen besser vollständig im Home Office zu arbeiten.
  • Schließlich wurde Home Office befohlen.

Zum Glück hat unser Unternehmen schnell reagiert und zum Glück haben wir die Infrastruktur, unsere Verwaltung komplett in die Heimarbeit zu verlegen.

Parallel dazu wird der ntv-Newsticker zum treuen Begleiter im Alltag, die Meldungen folgen Schlag auf Schlag: mehr Infizierte, mehr Tote, mehr betroffene Länder, mehr Maßnahmen. Aber auch Massen an Leuten auf den Straßen, die den Ernst der Lage noch nicht verstanden haben und genauso viele Leute, die in Panik jede Rolle Klopapier kaufen. Den besten Spruch zur Erklärung dieser Klo-Papier-Hamsterei: Für jeden der hustete, scheißen sich fünf in die Hose.

Als ich am Sonntag zu meinem langen Lauf aus der Haustür gehe, blicke ich mich erschrocken um. Meine Eltern wohnen in der Fußgängerzone unterhalb der Burg und selten zuvor habe ich an einem gewöhnlichen Sonntag so viele Menschen durch die Straße flanieren sehen. Ob das so gut ist, geht es mir bei meiner Runde durchs Schlierbachtal durch den Kopf.

So sieht derzeit eine Ruhewoche aus …

16. bis 20. März

Mein Trainingslager hat offiziell begonnen, Ziel ist es in dieser Woche 120 km zu laufen – das wäre mein persönlicher Rekord. Die Bedingungen sind ideal, der Frühling trotzt den Schreckensmeldungen, leider treibt er nicht nur mich auf meine verlassenen Pfade, sondern auch große Menschenmengen an die Seen, Cafés und Parks. Corona-Partys… die Menschen sind bekloppt.

Am Dienstag darf ich mich im Lautertal am Felsenmeer mit Konrad Bülow vom Bergsträßer Anzeiger treffen. Die regionale Tageszeitung, die seit ich denken kann jeden Morgen bei meinen Eltern im Briefkasten steckt, interessiert sich für mein NibelungenULTRA-Projekt und möchte darüber berichten. Selbstverständlich laufe ich zu dem Termin, etwas anderes kommt nicht in Frage, denn die 17 km bis dorthin laufen über den Nibelungensteig, es ist eine herrliche Strecke und sind ein Ausblick auf das, was mich im September erwartet.

Nach einem angenehmen Gespräch laufe ich wieder zurück, wähle dabei aber eine andere Route, denn ich laufe ungerne die gleiche Strecke hin und zurück. Mir gefällt der Gedanke, mit meinen eigenen Füßen und komplett klimaneutral, nur betrieben von einem Energieriegel sowie einer Handvoll Nüsse mit Trockenobst durchs Leben zu kommen. Vielleicht ist das ein Wohlstandsluxus, das Auto stehen lassen zu können, um mit den eigenen Beinen voranzukommen, dennoch mag ich den Gedanken, von der Technik unabhängig zu sein.

Außerdem lohnt sich das Laufen immer, besonders auf dieser Runde. Es war einer dieser Läufe, bei denen alles passt, mit hoppelnden Hasen, springenden Rehen, blühendem Frühling und nicht müde werdenden Beinen. Alles was in der Welt gerade geschieht, hört sich surreal an, so als ob demnächst ein Abspann über die Leinwand fährt und in großen Lettern Ende eingeblendet wird. Gut unterhalten verlassen wir das Kino in eine Welt, wie sie immer war (bzw. eine Welt, wie wir sie kennen und von der wir geglaubt hatten, alles in ihr sei okay).

Wer den Beitrag im Bergsträßer Anzeiger gerne lesen möchtet, der findet ihn hier: 133 Kilometer im Einklang mit der Natur

Bis Freitag bin ich durch einen weiteren langen und zwei kürzere Einheiten voll in meinem 120 Kilometer Plan.

21. und 22. März

Langsam beginnt auch der letzte Idiot zu verstehen, wie wichtig es ist, Abstand zu halten (ich habe meine Aversion gegen den Begriff, nicht gegen die Idee des Social Distancing bereits beschrieben). Unter dem #bergzeitdaheim versuchen auch wir, unseren lieben Bergsportlern zu zeigen, wie man in den eigenen vier Wänden aktiv bleiben kann. Auch ich habe eine Idee, um mich daran zu beteiligen.

Das soll nicht unser Schicksal werden: Die Linnefelser Betzekammer

Deshalb starte ich am Samstagmorgen mit einem Vertical K im Treppenhaus. Ein Vertical K ist ein vertikaler Kilometer, sprich 1.000 Höhenmeter auf möglichst kurzer Distanz hinter sich zu bringen. Was liegt da näher als das eigene Treppenhaus? Okay, zugegeben, die Idee ist ziemlich bescheuert. Zumal die GPS-/barometrische Höhenmessung im Treppenhaus nur bedingt gut funktioniert, weshalb mir die Uhr nur 3 Meter pro „Besteigung“ gutschreibt. Tatsächlich laufe ich jedes Mal 36 Stufen mit einer Höhe von 18,5 cm hoch, das macht nach meiner Rechnung 6,66 Meter pro Durchgang. Damit ich später auf Strava also die 1.000 Höhenmeter angezeigt bekomme, muss ich 350mal, satt 150mal hoch- und runterrennen. In gerademal 4 Stunden ist das Ziel erreicht, meine Waden glühen.

Aber immerhin gibt es auf halber Strecke spirituelle Unterstützung, eine reichlich bestückte Verpflegungsstation in Reichweite und zum Abschluss eine vollwertige, rein pflanzliche Pizza à la Mamma!

Am Sonntag wollte ich die fehlenden Kilometer für die 120 km Woche reinholen, doch meine Waden zwicken gewaltig – schon lange hatte ich keinen derartigen Muskelkater mehr. Ich schiebe den Lauf vor mir her, mühe mich dann doch raus und lasse es auf mich zukommen. Im Schneckentempo bringe ich dennoch 25 km zusammen und bringe es schließlich immerhin auf 110 Wochenkilometer. Immerhin überhole ich im Wald auf einer moderaten Steigung einen dicken Mountainbiker (der sogar noch aus dem Sattel geht, um sich die Schmach zu ersparen – keine Chance Dicker). Die nächsten zwei Tage gebe ich mir frei.

Die Menschen in diesem Land sind zum Glück rechtzeitig vernünftig geworden, weshalb uns eine strikte Ausgangssperre erspart bleibt. Solange ich noch zum Laufen raus kann, umgehe ich den Lagerkoller und halte eine gewisse Normalität aufrecht.

Fleißige Trainingswoche – Trainingscamp gut genützt
Leute lest mehr Zeitung, da steht häufig genug etwas Sinnvolles drin

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