Vom dicken Kind zum Ultra-Läufer!?

Das dicke Kind am Ende der Bank

Das dicke Kind am Ende der Bank, das beim Sport als letztes gewählt wurde, dieses Kind war ich. Das mich keiner im Team haben wollte, lag nicht daran, dass ich arg unbeliebt gewesen wäre. Ich war einfach nur komplett unsportlich. Mein Pfad zeichnete sich früh ab. Wenn ich als kleiner Stöpsel aus dem Bett fiel, rief ich nach meinen Eltern, damit sich mich aufheben und wieder zurücklegen sollten. Später spielte ich Fußball, aber nur als Torwart, um mich so wenig wie möglich bewegen zu müssen. Bei der Leichtathletik täuschte ich Hustenanfälle vor, so konnte ich mich an den Rand setzen und musste nicht laufen.

Okay, zugegeben, das bin nicht ich – so dick war ich als Kind dann doch nicht

Aus dem dicken Kind wurde ein moppeliger Junge, der sich in seinem Körper nicht wohlfühlte, deshalb verzichtete ich fortan auf Limo und meldete ich mich im Fitnessstudio an. Aber selbst dort versuchte ich mit minimalem Aufwand, das Maximum zu erreichen (Spoiler: Das funktioniert nicht). Gleichzeitig begann ich auf meine Ernährung zu achten und natürlich verfing ich mich in jeder nur möglichen Diätfalle. Laufen war keine Option für mich, ich war nicht gut darin (aber ehrlich: Am Anfang ist niemand gut darin, und wenn man sich hartnäckig einredet, in etwas nicht gut zu sein, was man ungerne macht, wird man nie gut darin und findet nie Spaß daran). Ich versteifte mich so sehr darauf, das Laufen zu hassen, dass ich mit Überzeugung sagte: Nur Idioten laufen Marathon.

Pumpen statt laufen

Immerhin das Pumpen (so nannten wir damals das Training im Fitnessstudio) gefiel mir. Ich bezog mein „Fachwissen“ aus Bodybuilding-Magazinen, kopierte die Trainings- und Ernährungsprogramme der Profis und… hatte null bis wenig Erfolg damit. Von diesen „Fachmagazinen“ wand ich mich zu „Fachbüchern“ und jede Ernährungsstrategie auf diesem Planeten wurde von mir getestet. Erfolge stellten sich ein, langsam, unbefriedigend, aber immerhin sichtbar. Der Wunsch mehr zu sein, als ich war, trieb mich immer weiter an, weshalb ich Wissen aufsaugte wie ein Schwamm.

Deshalb begann ich Fitness und Sport zu studieren, machte mehrere Trainerscheine und besuchte am laufenden Band Fortbildungen. Gelegentlich ging ich nun sogar laufen. Sehr bedacht, denn aerobes Training (so wurde behauptet) ist der natürliche Feind der Muskelmasse. Ich quälte mich über eine 6 bis 8 km Strecke und redete mir ein, 10 km gelaufen zu sein. Viel Freude hatte ich nicht daran, schließlich lief immer die Angst mit, mir meine hart erarbeitete Muskulatur zu ruinieren. Wäre ich damals ehrlich zu mir gewesen, hätte ich erkannt, dass ich zum Bodybuilding taugte, wie ein Reh zum Ackerpflügen. Denn nachdem der Speck mehr oder weniger von den Hüften gefallen war, kam darunter ein schlanker, feingliedriger Typ zum Vorschein, dessen Gene ihn eher in Laufschuhen sehen wollten, als unter einer Hantel im Studio.

Von allen möglichen Fitnessstudios ist das hier das sinnvollste – die Bootbox

Ich hatte eine super Blick für die Anlagen anderer, aber was mich anbelangte, da war ich blind. Dieses wertvolle Ding namens Selbstreflektion entdeckte ich erst wesentlich später (zum Glück, denn es leistet mir seither wirklich gute Dienste). Also quälte ich mich weiter 2 bis maximal 3-mal die Woche über meine 45 bis 60 Minuten Runden und das auch nur vor dem Sommer, um in eine bessere Schwimmbad-Form zu kommen. Trotz Studium und Fortbildungen (oder genau deswegen) blieb ich dem Fitness- und Bodybuilding-Lifestyle verbunden. Selektive Wahrnehmung ist ein machtvolles Werkzeug, das dich in deinen gewohnten Denkmustern hält, diese sogar bestärkt, denn du bedienst dich nur der Informationen, die zu deinen Überzeugungen passen. Und hey, außerdem: Wenn du jung bist, willst du gut aussehen – für dich, aber auch (vielleicht vor allem) für andere. Gesundheit, seelisches Wohlbefinden und ein in jeder Hinsicht leistungsfähiger Körper fallen erstmal hintenüber.

Laufen wird zur Alternative

Im Rückblick betrachtet, ist es mir fast peinlich, wie lange ich meine Zeit mit nahezu jedem, jemals erfundenen Trainings- und Ernährungssystem verschwendet habe. Aber diese Phase war wohl nötig und sie hat mich viel gelehrt – viel darüber wie der Körper, der Geist, der Mensch als Ganzes und dieses spezielle Wesen, das man Ich nennt, funktioniert. Prioritäten verändern sich über die Jahre; die Einstellung dazu, wie du dich selbst siehst und wie sehr es dich interessiert, wie andere dich sehen, nimmt andere Formen an. Mein Training wurde ausgeglichener, funktioneller (um es mit einem Modewort der modernen Fitnessindustrie zu sagen) und Laufen fing tatsächlich an, Spaß zu machen.

Penner im Park? Nein, ich auf einem Trek in Australien

Das lag auch daran, dass ich meine Urlaube zunehmend damit verbrachte, mit Rucksack und Zelt durch die Welt zu wandern. Viel Gewicht (im Rucksack aber auch am Körper) bremst dich dabei nur aus und gut trainierte Beine, die dich über Kilometer und Kilometer hinweg tragen, sind sicherlich auch von Vorteil. Reduzierung von Gewicht und Ballast hatte sogar noch einen weiteren, wertvollen Nebeneffekt: Ich erkannte mit wie wenig Zeug es sich wunderbar leben lässt, woraufhin ich einen immer minimalistischeren Lebensstil etablierte. Mit weniger Dingen um mich herum, wurde es leichter das Wesentliche zu sehen.

Der erste Halbmarathon

Immer häufiger schnürte ich meine Laufschuhe und lief meine Runde durch den Wald, hetzte über Waldwege und merkte, wie es mir zunehmend leichter fiel. Tatsächlich ich das eines der großen Geheimnisse des Laufens: Am Anfang fällt es schwer und macht daher auch wenig Spaß. Ist diese Phase überwunden, wird es mit jedem Lauf leichter, dann kommt der Flow dazu, das Runners-High, das Gefühl der Leichtigkeit, wenn dir der Gegenwind ins Gesicht pfeift, die Bäume neben dir vorbeifliegen und deine Füße im Sand knirschen. Ich war so guter Dinge übers Laufen, dass ich mich sogar für meinen ersten Halbmarathon im Münchner Olympiapark anmeldete.

Das erste Mal trainierte ich Laufen als Hauptsport, schließlich wollte ich bei meinem Wettkampfdebüt gut abschneiden. Wie es meine Art ist, legte ich mir ein Trainingsprogramm zu, stellte auf eine „Läuferdiät“ (als ob es sowas wirklich geben würde) um und legte los. Natürlich machte ich in der Vorbereitung eine Menge Fehler, dennoch fühlte ich mich gut, als ich mich mit ein paar Kollegen zum Start bewegte. Was für ein Rummel. Unglaublich viele Menschen und unglaublich viel Lärm erwarteten uns, die ganze Atmosphäre war angespannt und zu sehr gehyped. All die anderen Läufer sahen aus, als wären sie Profis mit all ihren Kompressionssocken, Sportbrillen und fanzy Sneakern.

Das war in Innsbruck, im Olympiapark war ein noch wesentlich größerer Rummel

Der Startschuss ertönte, ich stand in einem Pulk und wartete. Fast eine halbe Stunde verging, bis sich mein Pulk über die Startline geschoben hatte und das Rennen auch für mich losging. Ich war nicht gut. Ich war auch nicht schlecht. Ich lief einfach mit. Ein kenianischer Läufer in Vorbereitung auf die Sommersaison überrundete mich auf dem Rundkurs gleich zweimal; seine Füße schienen den Boden kaum zu berühren, seine ganze Form war pure Eleganz. Ich kam mir neben ihm wie ein schnaufender, stampfender Bauer vor (und irgendwie war ich das auch, denn Techniktraining gehörte nicht zu meiner Vorbereitung). Immerhin kam ich in unter zwei Stunden ins Ziel und damit war ich recht zufrieden.

Laufen und Ich: Eine On-Off-Beziehung

Nach dem Halbmarathon nahm ich mir eine kurze Auszeit vom Laufen (sie dauerte fast zwei Jahre). Es war also nicht so, dass ich total angefixed war. Es folgte eine lange On-Off-Beziehung zwischen mir und meinen Laufschuhen, begleitet von vielen beruflichen und persönlichen Veränderungen. Außerdem stellten sich immer wieder Verletzungen ein, wenn ich das Laufen intensivierte (wie gesagt, Techniktraining war nicht auf meiner Agenda). Es war so, dass ich mehr wollte, aber irgendwie nicht konnte, weil mein Körper mich nicht lassen wollte. Ich war halt doch nicht Born to Run, wie es der Mensch eigentlich sein sollte – mit so einer Ausrede kann man sich gut hinhalten (ausruhen sollte man sich nicht darauf).

Mit meinem Umzug zurück nach Bayern und in die Nähe der Berge (dazu dem einen oder anderen komplett bekloppten Läufer im Kreis der Kollegen) konzentrierte ich mich dann zunehmend aufs Laufen; genaugenommen wurde es zu meinem Hauptfokus. Wie es meine Art ist, wollte ich zu schnell, zu viel. Mein Trainingsprogramm war super ausgearbeitet, aber auf einen besser trainierten Athleten ausgerichtet, als ich es war. Und dazu kam mein altes Problem mit der Technik. Laufen lernt man nicht, man kann es – wer das behauptet, hat keine Ahnung. Ein Leben, das hauptsächlich im Sitzen gelebt wird, dazu falsche Schuhe und eingeschränkte Bewegungsmuster ruinieren unsere Biomechanik bis zu einem Maße, dass sie unter echter Belastung zusammenbricht.

Kaputtgelaufen: Verletzungen

Erstmals nahm ich Techniktraining mit auf und lernte Vorfußlaufen. Der neue (bessere) Laufstil gepaart mit zu großem Volumen führte zu Überlastungen. Shin-Splints (Schienbeinkantensyndrom) und eine Knochenhautentzündung später hatte ich eine weitere Lektion gelernt: Höre auf deinen Körper, bleibe geduldig und baue ein belastbares Fundament auf. Auch wenn ich mich schwer für Wettkämpfe begeistern kann, hat mir das geholfen beim Trailrunning Festival in Innsbruck auf der 45 km Strecke zu finishen, beim Zugspitz-Lauf (der nicht auf die Zugspitze führt) kam ich auf der 25 km Distanz als 52ter von 722 Läufern ins Ziel und an einem Wochenende in 2019 bin ich den Albtraufgänger Weg (110 km davon) in etwas über einem Tag gelaufen/gegangen. Je stabiler mein Körper wurde, desto mehr begeisterten mich die langen Distanzen. Sie geben mir die Möglichkeit lange draußen zu sein, sie konfrontieren mich schonungslos mit mir selbst und formen eine mentale Stabilität, die mein Leben bereichert.

Vom Nicht-Läufer zum Ultraläufer

Wie du siehst bin ich kein Superman, kein Wunderläufer und kein genetischer Freak. Ich bin einer wie du. Ich trainiere beharrlich um mich konstant zu verbessern und habe einfach nur viel Freude am Laufen. Wenn einer wie ich sich aufmacht, um einen seiner liebsten Wanderwege am Stück zu laufen, kannst du das auch. Dieses Projekt des Nibelungenultras(133 km, 4750 Hm in unter 24 Stunden, selbstorganisiert) soll nicht feiern, wie toll ich bin, sondern soll dir Mut machen, dass auch du dir keine Limits setzen solltest. Denke in einem größeren Maßstab, picke dir ein Projekt heraus, an dem dir viel liegt und fokussiere dich darauf, es umzusetzen. Wenn ich das kann, kannst du das auch.

Und ganz neben bei kann man die Chance nutzen, um dabei auch noch etwas Gutes zu tun:

Spendenaktion für den WWF: Die Lunge brennt!

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