Willkommen im Veganuary

Modetrend Veganismus – oder doch mehr?

Da freuen wir uns alle auf das neue Jahr und den Januar, aber dann muss ich feststellen: Dieses Jahr fällt der Januar aus. Stattdessen wurde er durch den Veganuary ersetzt. Eine neue Wortschöpfung, erdacht von vielleicht findigen, vielleicht wohlwollenden Marketingleuten. Ich selbst bin bei solchen Motto-Monaten und forcierten Thementagen immer skeptisch. Trifft diese Botschaft wirklich diejenigen, die es am Nötigsten hätten?

Sicher nicht. Aber hey, wenn jemand, der darüber nachdenkt, mal das fleischlose Leben auszuprobieren dadurch den letzten Schuppser bekommt, dann ist schon mal was gewonnen. Damit Neu- bzw. Versuchs-Veganer aber auch wirklich von allen Vorteilen der fleischlosen Ernährung profitieren, reicht es nicht, einfach nur allen tierischen Lebensmitteln abzuschwören.

Du bist doch jetzt auch Veganer

Mit dieser Aussage sehe ich mich häufig konfrontiert, seit ich im Laufe des letzten Jahres auf eine vollwertige, pflanzliche Ernährung umgestellt habe. Ich betone: Vollwertige, pflanzliche Ernährung. Dabei scheue ich mich immer etwas, das Wort Veganer in den Mund zu nehmen (obwohl es kein Fleisch enthält – haha). Warum ist das so?

Zum einen liegt es daran, dass viele Leute schnell abgetörnt sind, wenn sie Veganer hören. Eigentlich interessiert es mich nicht, was die Leute denken, aber wenn du eine konstruktive Diskussion über eine gesunde Ernährungsweise führen willst, dann steht das Wort häufig im Weg. Andererseits trifft es der Begriff für mich einfach nicht ganz richtig.

Veggi-Burger mit Analogkäse und Pommes – theoretisch vegan. Aber gesund? Nicht wirklich.

Theoretisch kannst du den ganzen Tag vegane Gummibärchen und Pommes essen und das Ganze mit Cola runterspülen und du bist Veganer. Das würde natürlich niemand machen (oder?), aber wenn ich mir die Masse an veganen Ersatzprodukten anschaue, die ich mittlerweile sogar bei jedem Discounter sehe, bin ich doch skeptisch. Vollgepackt mit billigem Soja und Mais, hochgradig verarbeitet, mit viel Salz und Zucker, sind diese Produkte nicht wirklich vollwertige Nahrungsmittel.

Vegan ist super, wenn du kein Tierleid verursachen willst, gesund muss es aber nicht zwingend sein.

Vollwertig und rein pflanzlich klingt sperrig, schmeckt aber großartig

Die vollwertige, pflanzliche Ernährung kannst du als eine Verfeinerung einer veganen Diät betrachten. Hierbei geht es darum, unverarbeitete, natürliche, möglichst unbehandelte Lebensmittel (und die haben den Namen auch wirklich verdient) zu konsumieren. Deine Schüssel sieht dadurch jeden Tag aus wie ein Regenbogen, das Essen darin schillert in allen Farben und im Mund fühlst du knackige Frische.

Vielen, die neu auf so eine Ernährung umsteigen, kommen die Geschmäcker anfangs fad vor. Das ist normal. Deine Geschmacksnerven sind komplett überreizt. Kennst du das Gefühl, wenn du auf einem Konzert warst und anschließend scheinen deine Ohren taub zu sein? Genauso geht es deinen Geschmacksnerven. Die sind von Aromastoffen, Zuckerzusätzen, Industriefetten und Salz so niedergebrüllt, dass sie erstmal wieder schmecken lernen müssen. Gib ihnen die Zeit – es lohnt sich.

Wenn das erledigt ist, hast du einen Freifahrtschein zum Schlemmen. Mach dir keine Sorgen über die Menge und die Kalorienzahl, du wirst niemals genug Pflanzen fressen können, um dick zu werden. Im Gegenteil, egal wie viel du futterst, du wirst Fett verlieren.

Wie dein Magen funktioniert

Vereinfacht gesagt gibt es in deinem Magen zwei Arten von Rezeptoren: mechanische und chemische. Verarbeitete Nahrungsmittel (ja, auch vegane) haben meist viele Kalorien, aber wenige Nährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe, sekundäre Pflanzenstoffe, Phytonährstoffe etc.). Wenn deine Mahlzeiten viele Kalorien, aber wenige Nährstoffe haben, machst du deine chemischen Rezeptoren nicht glücklich, sie warten darauf, dass die nötige Menge angekommen ist, erst dann geben sie dem Hirn das Kommando: Wir sind satt.

Die mechanischen Rezeptoren messen dagegen den Mageninhalt und sind mit ihrer Info etwas langsamer dran, als die chemischen Kollegen. Bis sie melden: Wir sind voll, hast du dich bereits überfressen. Da du aber noch nicht genug Nährstoffe erhalten hast, um deinen Bedarf zu decken, hält das Sättigungsgefühl nicht lange an.

(Natürlich spielen noch weitere Faktoren in das System der Sättigung mit ein, dennoch veranschaulicht dieses Beispiel, das Phänomen Überfressen gut genug. Es zeigt auch, warum wir mehr Kalorien essen, als wir essen sollten.)

Wenn du dich aber von Obst, Gemüse, Bohnen, Nüssen und Vollkornprodukten ernährst, stimmt das System und deine chemischen Rezeptoren melden schon lange bevor der Magen komplett ausgefüllt ist, dass du satt bist. Deshalb ist es unmöglich mit einer vollwertigen Pflanzen-Nahrung fett zu werden. Auch andere unangenehme Begleiterscheinungen des Essens fallen aus: Müdigkeit (Schnitzeltief), Völlegefühl, Verstopfungen, Sodbrennen etc.

Aus Wissen wird Handeln – meine Entscheidung für ein fleischloses Leben

Der ausschlaggebende Grund für mich in Zukunft auf tierische Lebensmittel zu verzichten, hatte definitiv ökologische und ethisch-moralische Gründe. Ich wollte schlicht und einfach nicht weiter am Leid der Tiere verantwortlich sein. Ich liebe es vom Balkon aus, den Kühen auf der Wiese unter mir zuzusehen. Wenn die Kälbchen sich mit Bocksprüngen  über das Gras jagen und sich die Kleinen anschließend an ihre Mütter kuscheln. Das zeigt mir, wie viel Freude und Liebe in diesen Tieren steckt. Sie sind so sanft, grasen friedlich vor sich hin, ganz und gar unschuldig und mit großartigem, familiärem Zusammenhalt. Wie kann ich diese Tier mit gutem Gewissen essen? Geht nicht!

Als nächstes warf ich einen Blick auf die Öko-Bilanz der Fleischproduktion und die sieht nicht gut aus.

Konservative Zahlen des Albert Schweizer Instituts zum ökologischen Fußabdruck von einem Kilo Rindfleisch (sorry, dass ich mir eure Grafik geklaut habe).

Betrachtet man das ganze Bild, werden die Zahlen sogar noch beunruhigender, denn die fünf größten Fleisch- und Milchkonzerne kommen mit ihren kombinierten CO2-Emissionen auf einen höheren Ausstoß von Treibhausgasen als Ölmultis wie Shell oder ExxonMobil (Quelle: TAZ). In jedem Sektor gibt es Einsparpläne, um den Ausstoß zu reduzieren, nicht aber in der Fleisch- und Milchwirtschaft, hier soll der Konsum sogar noch stärker angekurbelt werden. Derzeit ist die Vierwirtschaft nach Schätzungen der UN für 15% des Klimaproblems verantwortlich – doch die Zeichen stehen auf Wachstum…

Dabei müsste nicht mal jeder auf Fleisch verzichten, sich einschränken würde reichen. Laut Greenpeace können die Klimaziele erreicht werden, wenn jeder seinen Fleischverzehr von derzeit 37 kg pro Jahr auf 16 kg reduzieren würde. Hach, es klingt alles so einfach.

Eine klasse Doku – vor allem eine, nach der man einfach nicht mehr so weitermachen kann, wie bisher. Jedenfalls ging es mir so.

Aber du brauchst doch Fleisch für deine sportliche Leistungsfähigkeit

Das dachte ich auch lange. Tatsächlich startete ich mein Pflanzen-Experiment in der Hoffnung, dass meine Leistungsfähigkeit nicht allzu sehr einbrechen würde. Weit gefehlt. Nach einer Phase der Umstellung (der Körper muss sich erstmal an den neuen Kraftstoff gewöhnen), ging es mit meinem Training steil bergauf. Ich regeneriere schneller, kann dadurch häufiger trainieren und fühle mich viel energiegeladener. Mittlerweile wandle ich lange genug auf dem Pflanzenpfad, um sagen zu können, dass die Leistung nicht darunter leidet. Im Gegenteil!

Fleisch- und Milchkonsum wird mit den meisten tödlichen Krankheiten, die die westliche Welt betreffen, in Verbindung gebracht. Viele Leiden, wie Krebs, Diabetes, Herzinfarkte, Infektionskrankheiten, Hirnkrankheiten (wahrscheinlich sogar Alzheimer) und, und, und könnten durch weniger Fleisch/Milch und mehr Gemüse und Obst vermieden werden. Natürlich interessiert uns das nicht, solange wir gesund sind. Doch all diese Krankheiten entstehen nicht von heute auf morgen, sie entwickeln sich. Das heißt, dass mein Immunsystem jeden Tag Schwerstarbeit leisten muss, damit ich heute gesund bleibe. Wie soll es dann auch noch den Trainingsstress bewältigen?

Seit ich meinem Körper weniger Stressoren aussetze, geht es ihm einfach besser. Ach und nebenbei, ohne es zu forcieren verschwinden die letzten überflüssigen Pfunde von ganz alleine – quasi als kleines Zusatzgeschenk.

Dr. Michael Greger hat ganz hervorragende und komplett kostenlose Infos zu diesem Thema auf seiner Homepage: https://nutritionfacts.org/

Wenn dein Englisch etwas hinkt, kann ich auch sein Buch How not to die wärmstens empfehlen.

Prominente Vorbilder

Ich bin dir nicht repräsentativ genug oder du bist skeptisch, da du Kraftsportler bist? Dann google mal den Namen Nimai Delgado. Als Ausdauersportler kannst du dich von der Ultraläufer-Legende Scott Jurek oder dem Ultraman Rich Roll inspirieren lassen. Die Namen sagen dir nichts und du willst populäre Beispiele? Wie wäre es mit Lewis Hamilton, Venus Williams und Novak Djokovic; Dirk Nowitzki verzichtet seit er zwanzig ist auf Milchprodukte und Fußballstars wie Lionel Messi und Sergio Agüero ernähren sich ebenso wie Tom Brady (einer der besten Football-Quaterbacks aller Zeiten) überwiegend vegan.

Überwiegend? Warum nicht? Warum muss immer alles gleich ins Extrem gehen? Jemand der einmal im Monat Fleisch isst, gilt immer noch als Vegetarier, warum sollten für Veganer andere Regeln gelten? Vielleicht kommst du bei einem offiziellen Anlass nicht drumherum, vielleicht willst du dir einmal im Monat ein Omelett gönnen, vielleicht willst du deinen Gastgebern bei einer Einladung keine Scherereien machen – ich werde dich sicher nicht verteufeln, wenn du gelegentlich vom Schema abweichen musst (oder willst). Wichtig ist doch nur, dass du im Rest der Zeit auf Pflanzen setzt – dass du bewusst Entscheidungen triffst, die gut für dich sind.

Arnold Schwarzenegger (der mittlerweile auch voll auf Pflanzen-Power umgeschwenkt ist), Jackie Chan, James Cameron u.a. haben mit The Game Changers einen Film produziert, der vegane Leistungssportler in den Fokus rückt, um zu zeigen: Es geht auch so!

Verzicht ist ein böses Wort

Okay, ich bin für deutlich weniger Tierleid verantwortlich, tue aktiv etwas gegen die Klimakatastrophe und ich bin leistungsfähiger, aber muss ich dafür nicht auf eine Menge verzichten?

Überhaupt nicht. Wie so vieles im Leben kommt es auch hier auf die Einstellung an. Es ist immer entscheidend, von welcher Seite aus du eine Sache betrachtest. Wenn ich ständig an all die Dinge denken würde, die ich nicht mehr Essen darf, hätte ich den Eindruck, auf etwas verzichten zu müssen. Wenn ich dir sage: Denke nicht an Steak, was tust du? Du denkst an Steak. Wenn du deinem Hirn sagst: Denke nicht an Steak, was tut es? Es denkt an Steak. Dein Hirn kann nicht in Verneinungen denken, es hat einfach nur dieses Steak im Kopf und damit erinnert es sich an den Geschmack, an die Lust, an die guten Gefühle, die du in deinem Leben mit diesem Steak verknüpft hast (ein Mensch der nie im Leben ein Steak gegessen hat, wird nicht mal daran denken, dass es etwas Besonderes sein könnte, er hat keine positive Beziehung dazu aufgebaut).

Anstatt daran zu denken, was du nicht mehr essen kannst, denke an all die leckeren Sachen, die auf dich warten. Gehe über Wochenmärkte und an die Gemüsetheke, sieh dir die riesige Auswahl an, wieviel von dem Angebotenen hast du noch nie probiert? Es gibt so leckere Obst- und Gemüsesorten, die ich für mich entdeckt habe. Hatte ich früher immer die gleichen vier bis fünf Sorten im Haus, greife ich jetzt auf über zwanzig Sorten zurück – und ständig kommen neue dazu.

Vielfalt auf dem Speiseplan

Ich habe einen so großen Spaß am Zubereiten all dieser leckeren Sachen, dass mir gar keine Zeit bleibt, darüber nachzudenken, dass ich auf etwas verzichte.

Wir glauben, dass wir uns einschränken, wenn wir verschiedene Sachen weglassen. Meiner Erfahrung nach trifft aber genau das Gegenteil zu. Wir suchen nach neuen Lebensmitteln, die wir essen können, dadurch entdecken wir neue Geschmäcker, werden experimentierfreudiger und mit jedem Besuch auf dem Markt oder im Laden wächst die Anzahl an Nahrungsmitteln gegenüber dem was früher unser Standard war massiv an.

Leckere Vielfalt

Wenn du also durch den Vegenauary inspiriert worden bist, probiere mal einen Monat das Leben als Pflanzenfresser aus, aber bitte konzentriere dich dabei nicht alleine auf vegane Ersatzprodukte, sondern nutze die Vielfalt der Natur. Wenn du das machst und dich nach dem Monat besser fühlst, dann häng einen weiteren Monat hinten dran, und dann noch einen, und dann noch einen …

Anmerkung:

Ja, ich habe Affiliate-Links im Text verwendet. Die 3-4 Cent, die ich damit vielleicht einnehme sollen mich nicht reich machen (dann müsste ich euch Versicherungen und Handyverträge verkaufen), sie sollen lediglich die Seite finanzieren. Euch kosten sie gar nichts, falls ihr euch eins der empfohlenen Bücher bestellt. Alles, was über die Kostendeckung der Seite hinausgeht, wird zum Schutz unserer Wälder an den WWF gespendet.

4 Kommentare zu „Willkommen im Veganuary

Gib deinen ab

    1. Hi Katherine,
      vielen Dank für dein positives Feedback. Mir ist es immer wichtig einen offenen und konstruktiven Dialog anzustoßen. Dabei versuche ich über meinen eigenen Lebensstil (der bei weitem nicht perfekt ist und an dem es noch genug zu arbeiten gibt), zu zeigen, was alles machbar ist, wenn man nicht über Dinge meckert, die man nicht ändern kann, sondern sich auf das fokussiert, was man verbessern kann. Jeden Tag ein Stück 🙂

      Liebe Grüße,
      Flo

      Liken

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