Warum immer dieses Warum?

Die Frage der Fragen

Nachdem ich meine Idee vom NibelungenULTRA auf meine eigene Art in die Welt geschrieben hatte, war ich natürlich auf das Feedback gespannt. Interessanterweise teilten sich die Rückmeldung in zwei Lager – die Läufer und die Nicht-Läufer.

Die Reaktion der Läufer lässt sich so zusammenfassen: „Das ist doch keine bescheuerte Idee, sondern eher ein ambitioniertes Projekt. Ich drücke dir die Daumen, du schaffst das.“

Die Reaktion der Nicht-Läufer fiel so aus: „Man ist das eine bescheuerte Idee und du bist bekloppt. Aber hey, ich drücke dir die Daumen, du schaffst das.“

So unterschiedlich die Reaktionen ausfielen, unterm Strich war das Feedback durchweg positiv und aufmunternd. Dafür danke ich euch allen sehr! Eine Sache erstaunt mich aber: Niemand fragt, warum ich mir das denn eigentlich antue. Vielleicht liegt das daran, dass ich im letzten Artikel bereits darauf eingegangen bin, warum ich den Nibelungensteig laufen möchte. Doch warum ich gerade diesen Weg in 24 Stunden laufen will und warum ich überhaupt 130 km am Stück laufen will, sind zwei Paar Schuhe.

Ich selbst bin besessen von der Frage und kann gar nicht anders, als sie immer wieder durch mein Hirn zu mangeln. Deshalb ist dieser Artikel auch ein Versuch, mir selbst klarzumachen, wieso ich mir das antun will.

Frag immer erst: Warum

Das ist der Titel eines Buchs von Simon Sinek und ich kann es nur jedem empfehlen. Er geht (vereinfacht gesagt) darauf ein, dass jedes Unterfangen von der Stärke des Warums abhängt, und wie wichtig es ist, sich dieses Warum immer vor Augen zu halten. Geht das Warum verloren, geht der Sinn verloren, geht der Antrieb verloren.

Was ist, wenn mir nach 74 Kilometern die Füße bluten? Wenn mir die Kraft ausgeht und das Unterbewusstsein ständig an mir nagt und mich fragt: Was soll das alles? Was, wenn mein Kopf (und ich bin sehr kopflastig) mir ständig einflüstert, dass das doch gar keinen Sinn macht und es genaugenommen mir doch eh niemand krumm nehmen würde, wenn ich einfach zwischendrin aufgebe.

Schon jetzt, ein Dreivierteljahr bevor ich auf den Trail gehe, will ich Klarheit über dieses Warum haben – für die vielen tausend Kilometer, die es im Training zu laufen gilt, für die Zweifel, die unweigerlich kommen werden, für die Phasen, in denen nichts so vorangeht, wie es soll. Der Körper ist nur so leidensfähig, wie es der Kopf zulässt – und leiden werde ich, da mache ich mir nichts vor.

Warum – oder besser Wofür

Simon Sinek bezieht seine Theorie auf die Firmenwelt und führt aus, wie es Unternehmen wie Apple und Harley Davidson dazu gebracht haben, zu Kultmarken zu werden. Aber seine Idee lässt sich mühelos auf alles im Leben übertragen. Das Amerikanische Why übersetzen wir im Deutschen einfach mit Warum, dabei umfasst das kurze Wort eigentlich noch eine weitere Dimension, nämlich das Wofür.

Wenn der lästige Schweinehund dann während der langen Trainingsstunden bei miesem Wetter sein Maul aufreißt, wenn er mich beim tatsächlichen Lauf genau dann piesackt, wenn der Körper schlappmachen möchte, dann will ich ihm mit einem kräftigen Wofür antworten können. Ein Wofür gibt allem einen Sinn. Ich will ihm gegenübertreten und klar sagen, dass er es gar nicht erst versuchen braucht, weil…

Ja genau, warum eigentlich. Wenn ich diesen höheren Sinn, dieses Wofür definiert habe, hilft es mir als Schutzschild vor dem Schweinehund. Der Kopf ist ein mächtiges Werkzeug, er kann für oder gegen dich arbeiten. Ich möchte sicherstellen, dass er mir zur Seite steht, wenn die Umstände es erfordern.

Der tiefe Motivationsbrunnen

Ich und mein Collegeblock. Wann immer ich etwas auf den Grund gehen will, setze ich mich mit meinem Collegeblock und einem Kulli auf den Boden, blende jede Ablenkung aus und schreibe alles nieder. Wirklich alles. Außer mir ist niemand da, der urteilen kann, aber gerade ich bin es, der über mich selbst am härtesten urteilt. Es brauchte viel Übung, damit ich mir selbst gegenüber vorurteilsfrei sein konnte. Ich verbringe viel Zeit mit Selbstreflektion, bei der ich festhalte, wo ich stehe, wie ich dorthin gekommen bin, wie glücklich ich dort bin und wohin ich mich bewegen will.

Wie du an dieser Liste sehen kannst, stehen dort eine Menge verschiedener Motive – viele davon schwach, viele davon egoistisch (was nicht heißen soll, dass die egoistischen, die schwachen Motive sind). Sie alle geben meinem Wofür Futter, doch einige davon werden schnell aufgebraucht sein; sie sind quasi das Fastfood unter den Motiven. Wenn ich mich auf ihre Energie verlasse, liegen sie mir entweder schwer im Magen oder sie reichen schlicht und einfach nicht aus, um über die kompletten 130 Kilometer den Motor am Laufen zu halten.

Es gilt also aus dieser Liste die Gründe herauszufiltern, die Substanz haben. Was davon ist stark genug, um mich anzutreiben, wenn alles kapitulieren will? Ich sitze über dieser Liste, lese, was ich in einem urteilsfreien Fluss heruntergeschrieben habe und lasse die Gründe auf mich wirken. Was lösen sie in mir aus? Welche klingen einfach nur flach? Bei welchen steigt mein Adrenalinspiegel, welche lassen mein Herz schneller schlagen? Diese Entscheidung will ich nicht meinem rationalen Verstand überlassen, denn wenn es hart auf hart kommt, ist er der Erste, der Gründe findet, um aufzugeben. Diese Entscheidung will mit dem Herzen getroffen werden.

Alles, was mich nicht begeistert, wird gestrichen; was mich berührt bleibt stehen. Schlüsselwörter, die eine emotionale Seite an mir zum Schwingen bringen, kreise ich ein. Dadurch kristallisiert sich nach und nach heraus, warum  bzw. wofür ich mir den NibelungenULTRA antun will.

Treibstoff für meinen Motor – mein Warum

Nach einigen Strichen, ein paar Kreisen und einer Menge In-mich-reinhören bleiben drei Begriffe stehen:

– (Vor-)Ankommen
– Grenzen sprengen
– Inspirieren

Jemand anderem außer mir müssen diese Gründe nicht wichtig sein, wir werden alle von etwas anderem angetrieben. Ich selbst finde mich in diesen Punkten sehr stark wieder.

(Vor-)Ankommen

Mein heutiges Ich hat wenig mit meinem Ich von vor fünfzehn Jahren zu tun, sogar mit meinem Ich von vor fünf Jahren teile ich kaum mehr als meinen Namen (man denke nur an das dicke Kind, das Laufen gehasst hat). Veränderung ist die ständige Komponente, die mich begleitet und darüber bin ich froh. Durch viel (zu viel) Denken, Ausprobieren und Agieren habe ich mich immer wieder neu erfunden, dabei bin ich dankbar, für jede falsche Abzweigung, die ich genommen habe. Jeder Schritt hat mich an den Punkt getragen, an dem ich heute bin. Während andere mit fast vierzig in die Midlifecrisis rutschen, merke ich, dass ich langsam dorthin komme, wo ich hingehöre, wo ich mich wohlfühle.

Den NibelungenULTRA zu laufen, ist eine weitere Bestätigung dafür, dass ich auf dem richtigen Weg bin; ihn zu laufen bedeutet für mich (Vor-)Ankommen.

Grenzen sprengen

Wir neigen dazu, uns selbst Grenzen zu setzen. Ich tat dies, als ich fest behauptete, niemals einen Marathon laufen zu können. Das ist nur ein Beispiel. Immer wieder suche ich nach Ausreden, warum dies oder jenes nicht möglich sei. Du hast erst vor drei Jahren ernsthaft mit dem Laufen angefangen, das ist zu spät, um noch was Großes auf die Beine zu stellen. Du bist nur ein gewöhnlicher Typ in einem gewöhnlichen Leben – es wird Zeit mit diesen Träumereien aufzuhören. Du hast einfach nicht das nötige Talent oder die richtigen Gene, um Nennenswertes zu leisten.

Wir (Ich) hören auf, uns große Ziele zu setzen und nisten uns in unserer Komfortzone ein. Hier müssen wir (ich) uns nicht anstrengen, um unseren Status Quo zu halten, aber es passiert eben auch nichts, was uns (mich) voranbringt. Ich denke dann gerne an ein Paralleles-Ich, das in einer anderen Dimension lebt und sich selbst nicht diese Limits setzt. Ich denke daran, was er für ein Leben führt, nur weil er Dinge versucht hat, die ich mir nicht zugetraut habe. Ich vergleiche sein volles mit meinem leeren Leben und bin am Ende von mir enttäuscht, dass ich mir nicht mehr zugetraut habe. Das soll mir nicht passieren!

Körperlich, geistig und kreativ möchte ich weiter meine Grenzen sprengen. Das bedeutet aber auch diese Grenzen zu attackieren. Ich muss raus aus meiner Komfortzone, mich fordern, mich überfordern, hohe Forderungen an mich stellen – auch wenn ich weiß, dass das wehtun wird.

Inspirieren

In meinem fröhlichen Junggesellendasein lebe ich in einer Glückseligkeit, in der ich keine Kompromisse eingehen muss. Das führt aber auch dazu, häufig sehr selbstzentriert zu denken. Bis vor kurzem hat mich das nicht sonderlich gestört, weshalb sich alles nur darum drehte, wie ich mich weiterentwickeln, wie ich mich selbstverwirklichen (schlimmes Wort) konnte. Doch gerade auf dieser Ebene fand meine jüngste Evolution statt.

Die Veränderung setzte langsam ein, unterschwellig und unbemerkt – doch nachhaltig. Ich nahm mehr Anteil am Leben der Menschen um mich herum und wenn ich diese Menschen dazu noch gerne mochte, tat es mir weh, wenn sie nicht glücklich waren. Vielleicht weil ich selbst endlich an einem Punkt angelangt bin, an dem ich glücklich aufstehe, dankbar durchs Leben gehe und erfüllt einschlafe. Wenn ich es geschafft hatte, an diesen Ort zu gelangen, dann kann das jeder. Manchmal brauchen wir einfach nur jemanden, der uns aus unseren gewohnten Denkmustern rausreißt, um uns einen neuen Weg zu eröffnen. Wenn ich dieser Jemand sein und inspirieren kann, würde mich das sehr freuen.

In der heuten Zeit, in der wir über den Klimawandel reden (aber viel zu wenig selbst dagegen tun), unsere Meere zugemüllt sind, der Regenwald brennt, die Arten sterben und wir immer fetter, ungesünder und unglücklicher werden, will ich nicht einfach dastehen und zusehen. Ich kann verstehen, wenn man sich angesichts all dieser Probleme hilflos fühlt, aber genau das gilt es zu durchbrechen. Du musst nicht wie das Reh im Scheinwerferlicht stehen und darauf warten, überfahren zu werden. Jeder von uns hat einen Einfluss. Er mag klein sein, doch wenn du mit deinem Verhalten zwei, drei Leute dazu anregst, es dir gleich zu tun (und die jeweils weitere zwei, drei Leute inspirieren), dann kann sich etwas ändern. Wenn du nur darauf wartest, dass die Politik oder sonst wer sich verantwortlich zeigt, bist du Teil des Problems.

Mein stärkstes Wofür

Dich zu inspirieren ist daher vielleicht meine größte Motivation. Du hast dein Leben selbst im Griff. Wenn dich etwas stört, ändere es; wenn du von etwas träumst, strebe danach. Glaube nicht deinen eigenen Ausreden, ignoriere deine Limits und bleibe optimistisch. Ob es dir gut geht oder nicht, liegt rein an dir. Niemand schuldet dir etwas. Nur einer ist dafür verantwortlich, wie es dir geht: du selbst!

Ob ich daran glaube: Selbstverständlich! Als ich begriff wie wichtig Selbstverantwortung ist, hat sich mein Leben grundlegend verändert. Ich habe bewusst entschieden, mit wem ich meine Zeit verbringe. Ich habe angefangen, mein Leben mit dem zu füllen, was mich glücklich macht. Und ich verzichte auf alles, das mir, meinen Mitmenschen oder dem Planeten Schaden zufügt. Denn ich weiß, ich bin der Unterschied.

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