Vorsätze vs. Projekte

Alle Jahre wieder – Vorsätze funktionieren nicht

Spricht man mit Freunden und Bekannten bekommt man den Eindruck, dass sich niemand mehr gute Vorsätze fürs neue Jahr vornimmt. Aber woher kommen dann die ganzen Fitnessstudio-Anmeldungen im Frühjahr; woher die steigende Anzahl an Artikeln über Diäten? Wieso begegnet man auf der täglichen Laufrunde plötzlich so vielen neuen Sportlern; warum lesen wir alle diese ganzen How-to-Artikel? – Und warum ist all das bis Ostern wieder vergessen? Heimtrainer und Hanteln wandern in den Keller; die Mitgliedschaft im Fitnessstudio wird gezahlt, aber nicht genutzt; die Laufschuhe verstauben im Regal; und die fünf Kilo, die wir durch die Diät verloren haben, sind längst wieder auf die Rippen gerutscht (mit Zinsen).

Kein Wunder, dass niemand zugeben möchte, dass er Vorsätze fürs neue Jahr hat!

Die einfache Wahrheit ist: Vorsätze funktionieren nicht. Bewusst oder unbewusst wissen wir das, deshalb sprechen wir nicht darüber oder machen uns sogar über sie lustig. Doch insgeheim denken wir an das neue Jahr, in dem wir trotz verleugneter, guter Vorsätze doch einiges anders machen wollen. Da ist nichts Verkehrtes dran! Ein neues Jahr soll uns neue Möglichkeiten bieten und die Vorweihnachtszeit gibt uns Zeit, zu sehen, wo wir stehen, um von dort aus eine bessere Zukunft zu planen.

Ich liebe sie, diese Zeit des Jahres, wenn der November in seiner eigenen Suppe aus Grau, Nebel und Regen erstickt, um dem Dezember die Tür zu öffnen. Zwar fühlt sich der erste Advent wettermäßig kaum anders an (vielleicht ein paar Grad kühler), doch macht er die Stimmung der Vorweihnachtszeit greifbar. Die leuchtenden Plastikrentiere im Garten wirken echter, die Lichterkerzen strahlen heller und die Dekorationen in den Fenstern machen endlich Sinn. Natürlich ist es auch eine Zeit, die besinnlich sein sollte, wir aber stattdessen herumrennen, denn bis zum großen Fest gibt es noch so viel zu erledigen.

Rückblick schafft Ausblick

Gerade jetzt nehme ich mir gerne die Zeit um durchzuatmen und einen Blick zurückzuwerfen. Aber alle sagen, man soll nur nach vorne schauen und die Vergangenheit ruhenlassen. Für bestimmte Situationen mag das stimmen, doch wie willst du aus dem letzten Jahr lernen, ohne es zu reflektieren?

Wenn ich an das letzte Jahr denke, stechen viele Dinge heraus. Viele Augenblicke kommen mir in den Sinn, an die ich mich mit Freude erinnere. 2019 war ein gutes Jahr

Was waren deine schönsten Erlebnisse und gab es davon genug? Was waren die großen Enttäuschungen und wo und wann hast du dich selbst enttäuscht? Es gibt viele solcher Fragen, die du dir stellen kannst und je tiefer du bohrst, desto mehr Kraft kannst du daraus fürs nächste Jahr schöpfen. Dabei geht es nicht darum, über dich selbst zu urteilen, sondern darum zu reflektieren. Durch die Selbstreflektion erhältst du Klarheit darüber, wo du stehst, wohin du willst und ganz häufig erkennst du alleine daran, wie der Weg vom Wollen zum Sein aussehen kann.

Damit hast du die beste Grundlage geschaffen, um dein neues Jahr zu planen.

Vorsätze, Ziele und Projekte

Vorsätze sind beliebig und unkonkret, deshalb scheitern sie. Ich würde gerne abnehmen, ich möchte mich besser ernähren, ich muss mehr Sport machen, ich sollte jeden Tag bewusster erleben, ich will im Job, der Beziehung oder allgemein im Leben erfolgreicher sein – das alles klingt gut, doch nichts davon wirst du erreichen, wenn du es so formulierst. Denn das sind nur Absichtserklärungen, die sich schnell im Alltag verlieren.

Da der Begriff Vorsätze ohnehin negativ behaftet ist, lass ihn uns gleich in die Mülltonne werfen. Stattdessen wollen wir über Ziele und Projekte reden.

Ziele sind konkret (zumindest richtig formulierte). Sie definieren sich in Was, wieviel, bis wann und ab wann. Das Was könnte Abnehmen sein, dann wäre das Wieviel vielleicht 10 kg. Mit dem Ab-und-bis-wann gibst du dem Ganzen einen zeitlichen Rahmen. Als nächstes legst du dir eine Strategie fest, wie du dieses Ziel in der vorgegebenen Zeit erreichen willst (wenn du schlau bist, definierst du als zweites Ziel gleich eine Strategie, wie du diesen Erfolg aufrechterhältst).

Ich persönlich arbeite lieber mit der Idee von Projekten. Heute am ersten Advent sitze ich über einen Collegeblock gebeugt und mache Notizen. Eigentlich ist es nichts anderes als ein massives Brainstorming, bei dem ich alles notiere, was mir zum vergangenen Jahr einfällt. Jedes Fragment, das meine Erinnerung greifen kann, notiere ich, ohne zu urteilen, ohne einzuteilen, ob es sich um eine gute oder schlechte Erinnerung handelt. Ich nehme mir Zeit dafür, kein Fernseher läuft nebenbei und das Handy wird ignoriert. Am Ende habe ich eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie zufrieden ich mit dem letzten Jahr war, außerdem bekomme ich viele Ideen, was ich im neuen Jahr aufrechterhalten möchte, was ich ändern und was ich komplett neues tun will.

Ich schlage die Seite im Collegeblock um und auf die leere Seite schreibe ich nun alles, was toll wäre, wenn ich es im neuen Jahr schaffe (all diese Einträge ähneln auf eine erschreckende Art und Weise den guten Vorsätzen). Mir ist klar, dass ich nicht alles umgesetzt bekommen, bzw. dass mir an vielen dieser Einträge gar nicht so viel liegt. Aber ein paar davon leuchten heraus – aus ihnen mache ich meine Projekte.

Projekte und mit einer Strategie verknüpfte Ziele sind sich nicht ganz unähnlich, allerdings sind Projekte organischer. Sie haben Raum zum Wachsen, sie sind nicht starr und können besser auf veränderte Situationen angepasst werden. Außerdem schrecken Projekte nicht so sehr ab wie Ziele. Ein Ziel kann ich erreichen oder verfehlen, Erfolg und Misserfolg liegen nahe beieinander und damit auch die Angst zu Scheitern. Diese Angst bremst uns in einer Gesellschaft, die Scheitern verteufelt, ungemein aus. Ein Projekt ist etwas, an dem ich arbeiten kann, durch das ich an mir arbeiten kann. Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um den Prozess – den Prozess es jeden Tag ein klein bisschen besser zu machen, damit ich mich morgen besser fühle.

Fokus

Ein Projekt sollte etwas Großes sein, vielleicht sogar etwas, an dem du nicht nur über das nächste, sondern auch über das darauffolgende Jahr arbeiten möchtest. Nach all den Notizen und gesammelten Ideen kristallisierten sich für mich drei Dinge heraus, die alle miteinander zusammenhängen und sich nicht gegenseitig im Weg stehen. Deshalb kann ich meinen Fokus voll auf diese Projekte richten. Meine Projekte für 2020:

  1. Den NibelungenULTRA laufen
  2. Meinen Weg dorthin mit diesem Blog begleiten
  3. Den Minimalismus als Lebensart wieder konsequenter verfolgen

Das Hauptprojekt ist dabei der Ultralauf, aber da ich den kompletten Prozess zu seiner Umsetzung ohnehin protokollieren würde, fällt es nicht schwer, dass in Blogform zu tun. Das Training, die Vorbereitung und das Darüber-Schreiben wird viel Zeit in Anspruch nehmen – Zeit, die mir der Minimalismus schafft. Denn beim Minimalismus geht es nicht nur darum, auf Zeug zu verzichten, sondern auch um digitalen Minimalismus und darum, die zeitlichen Ressourcen sinnvoll zu nutzen.

Jedes einzelne Projekt ist mit dem Erreichen des Ziels nicht abgeschlossen, sondern können je nach Wunsch weiter wachsen und entsprechend angepasst werden. Sie begleiten meinen Weg, meine Entwicklung, die hoffentlich nie abgeschlossen ist.

Wie du dir vorstellen kannst, wirst du eventuell schon mit nur einem einzigen, sinnvoll gewählten Projekt das Jahr (und die Jahre darüber hinaus) gut beschäftigt sein. Deshalb solltest du dir lieber nur ein echtes Projekt aussuchen, eines an dem dir viel liegt und auf das du all deinen Fokus lenken kannst. Wenn es Nebenprojekte gibt, sollten sie nach Möglichkeit mit dem Hauptprojekt verwandt sein.

Sei realistisch optimistisch und wähle, was dir persönlich wichtig ist

Sich auf ein einzelnes Projekt zu konzentrieren, hat viele Vorteile. Du kannst deinen vollen Fokus darauf richten und es fällt leichter, dich nicht ablenken zu lassen. Du wirst dir viele Informationen zur Erfüllung deines Projekts zusammensuchen und dadurch viel Wissen über dieses spezielle Thema, aber auch über dich selbst finden. Du wirst sehen, wie dein Projekt über das neue Jahr hinweg wächst, wie du mit jeder neuen, guten Angewohnheit, mit jedem noch so kleinen Erfolg, mit jeder positiven Rückmeldung deine Zuversicht wächst. Dein Zuversicht in dein Projekt und die Zuversicht darin, was noch alles möglich ist.

Damit du in diese wunderbare Situation kommst, ist es aber wichtig, dir das richtige Projekt zu wählen. Dabei plädiere ich an dich, nach etwas zu suchen, das dir ganz persönlich wichtig ist. Wenn du dein Projekt danach wählst, was dein Nachbar oder deine Kollegen von dir erwarten, wirst du scheitern. Wenn es etwas ist, das dir selbst stark am Herzen liegt, steigen deine Chancen auf Erfolg. Vielleicht möchtest du deine Enkel aufwachsen sehen und sogar mit ihnen herumtoben können, dann tust du zwar etwas für Andere, aber auch für dich – dies sind die stärksten Motivationen. Wenn du unter all den Ideen auf deinem Collegeblock eine Sache herausleuchtet, die dir besonders wichtig ist, und das sogar noch einen positiven Einfluss auch Jemanden hat, den du liebst, dann musst du dieses Projekt angehen.

Ohne ein Warum wirst du scheitern

Das führt uns zum vielleicht wichtigsten Punkt, der darüber entscheidet, ob und wie intensiv du im nächsten Jahr an deinem Projekt arbeitest: dem Warum.

Ohne ein starkes Warum wirst du die Motivation verlieren. Ein starkes Warum dagegen hilft dir nach langen Arbeitstagen noch eine Runde Laufen zu gehen, es wehrt Versuchungen ab, wenn du im Supermarkt Entscheidungen darüber triffst, was du in dich reinfutterst, es bringt dich durch die grauen Tage, wenn alles schwerfällt.

Daher musst du dein Projekt mit diesem Warum verknüpfen und es dir ständig vergegenwärtigen (ob im Kopf oder über Notizzettel, die überall in deiner Wohnung oder deinem Arbeitsplatz kleben). Ich muss mich bestmöglich auf den NibelungenULTRA vorbereiten, weil … Heutzutage tun wir uns schwer Dinge (besonders wenn es um Gefühle geht) niederzuschreiben, aber genau das empfehle ich dir. Füttere das Warum mit jedem Treibstoff, den du ihm geben kannst.

(Mehr dazu: Warum immer dieses Warum?)

Eine gute Technik dazu ist Visualisierung. Stell dir vor, wie du dich jetzt fühlst, erinnere dich daran, warum du genau dieses Projekt für so wichtig erklärt hast und für wen und weshalb du dich ändern willst. Denke daran, wie du dich fühlen wirst, wenn dein Projekt voranschreitet, mache dir auf deinem Weg auch immer klar, was du bereits erreicht hast und dass du das nicht (unter keinen Umständen) wieder hergeben möchtest.

Übernimm Verantwortung

Alles planen, überlegen und wünschen hilft dir wenig, wenn du nichts daraus machst. Aus einem starken Warum kannst du Motivation ziehen, aber wenn du keine Selbstverantwortung übernimmst, wird jedes Vorhaben scheitern. Du und nur du alleine bist dafür verantwortlich, ob du dein Projekt verwirklichst, oder ob du dich aufgibst und in die Mittelmäßigkeit begibst. Jeden Tag aufs Neue triffst du Entscheidungen, bewusst oder unbewusst wählst du in jeder Situation aus, wie du auf sie reagieren willst. Mach dir klar, dass darin eine große Macht liegt.

Halt inne, denk nach, sei dir bewusst, dass du an Etwas glaubst und darauf hinarbeitest. Wenn du vor dem Spiegel stehst, dann sollst du deinem Ebenbild stolz sagen können, dass du es nicht im Stich – dass du dich nicht im Stich gelassen hast.

Wenn du dir darüber bewusst wirst, dass es an dir liegt, welche Entscheidung du triffst, hast du fast schon gewonnen (ja, ich sage es nochmal: es liegt an dir! Nicht deinem Nachbar, deinem Partner, deinen Kollegen, einer höheren Macht, den Umständen oder was du sonst gerne dafür verantwortlich machst, dass deine Vorsätze bisher immer gescheitert sind). Gelingt es dir, die Kontrolle über deine Entscheidungen zu übernehmen, dann denke an dein Warum, denke an das Bild von dir, dass du visualisiert hast, denke daran, wie wichtig dir es ist und übernimm die Verantwortung über deine Entscheidungen. Jeden Tag und unter allen Umständen.

Einfach machen: Done is better than perfect!

Bei allen Überlegungen und Planereien bedenke eine Sache: Nur durch Handlung startest du Veränderung. Deshalb ist es wichtig aus dem Status des Planes herauszukommen und einfach loszulegen. Manches was dir heute noch nicht klar ist, ergibt sich auf dem Weg, die Feinheiten deines Projekts entwickeln sich, während du an ihm arbeitest. Besser du läufst in Kurven auf dein Ziel zu, als nie anzukommen, weil du deine Zeit damit verschwendest, die optimale Route herauszufinden.

Deshalb könnte ein Projekt für 2020 auch heißen: Tun statt reden, machen statt planen – leben und nicht das Leben vor dir herschieben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: